Hexen, Wampeler und Rügerichter

„Fasnacht in Tirol“ - Eine Sonderausstellung im Bad Dürrheimer Narrenschopf
Von 4. Dezember 2004

Der Narrenschopf, ein Ensemble von drei niedrigen hölzernen Kuppelbauten, ist inzwischen zu einem Wahrzeichen des kleinen Sole-Kurortes Bad Dürrheim im südlichen Schwarzwald geworden. Zwei dieser Schöpfe, Schöpfe zu verstehen im Anklang an das Wort Schuppen oder Schupf, sind originale Salzbehälter aus dem nahegelegenen Rottweil, die nach Einstellung der dortigen Solesalz-Förderung im Jahr 1969 vor dem Abriß bewahrt und nach Bad Dürrheim verpflanzt wurden. Sie beherbergen seit 1973 eine einzigartige Sammlung von Narrengestalten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht.

Unter Bären und wilden Männern in Tirols Bergdörfern

Der Begeisterung der Museums-Verantwortlichen des Narrenschopfs und ihren mehrjährigen Bemühungen ist es zu verdanken, daß im Herbst dieses Jahres die sehr unterschiedlichen, farbenprächtigen Fasnachtsbräuche von acht Bergdörfern im österreichischen Tirol und im italienischen Fassatal in einer Sonderausstellung zusammengeführt werden konnten. Der Besucher taucht ein in eine Welt der Scheller, Roller und Wampeler, in deren Begleitung sich neben Bären und Hexen auch Vogelhändler, Jungfrauen und venezianisch anmutende Narren in feiner Seide befinden, sie alle sind Teil der in den einzelnen Orten stattfindenden Maskenumzüge. Rügerichter prangern im Dorf begangene Untaten öffentlich an, Bären, Dämonen und Wilde Männer werden vertrieben, Männer für die Jungfrauen gesucht. In Tramin wird der Winter verjagt; in Nassereith mischen sich barocke Gestalten mit phantasievoll-hohen Kopfbedeckungen ein in das Geschehen. Im ladinischen Fassatal spürt man deutlich die künstlerischen Anklänge an die italienische Commedia dell’Arte. Schriller Trompeten- und Schellenklang begleitet einige der Maskenläufe. Die Bräuche und Umzüge jedes Ortes sind sehr unterschiedlich in Thema und häufig kunstvoller Verkleidung. Um den Nachwuchs hat man keine Bange. Die Gruppe der Axamer Wampeler zum Beispiel hat sich in den letzten 30 Jahren von 15 auf mehr als 100 Mitspieler erweitert.

Videofilme führen die Geschehnisse der Fastnacht in den acht Ortschaften hautnah vor Augen. So wird das Maskentreiben in Tirol, das auch eine große touristische Attraktion darstellt, besonders lebendig. Christliche und heidnische Bräuche scheinen sich darin zu mischen, eine noch immer ungelöste Frage für Theologen und Heimatkundler.

Die Geschichte von Fastnacht und Karneval

Die Fasnacht in Tirol, die Fastnacht im Alemannischen, der Karneval am Rhein und anderswo. Unterschiedliche Namen, gleicher Inhalt? Und überhaupt, Fastnacht, Karneval, was bedeutet das eigentlich? Der biblische Hintergrund: Jesus ging für 40 Tage in die Wüste um zu fasten. Jesus wurde in der Wüste vom Teufel heimgesucht, er hatte in der Wüste in den 40 Tagen bis zum Osterfest mehrere große Prüfungen zu bestehen.

Fasten, ein Akt der Reinigung von Geist und Körper, wurde in Europa in der Zeit des Mittelalters von der christlichen Bevölkerung sehr ernst genommen. Vor Beginn der Fastenzeit allerdings wurde in den Gemeinden noch einmal heftig gefeiert, mit opulentem Essen und Trinken, es wurden Umzüge veranstaltet, für Verstorbene gebetet und das Böse gründlich ausgetrieben.

In der Zeit der Reformation und der Aufklärung wendet man sich gegen den in der Fastnacht zutage tretenden Aberglauben, der Niedergang der Fastnacht beginnt. Die Zeit der Romantik besinnt sich dann auf das Ursprüngliche, der Bezug zur Heimat rückt erneut in den Vordergrund, Fastnachtsbräuche werden wieder aufgenommen, diesmal von der gutbürgerlichen Gesellschaft. Sie erscheinen nun im Karneval genannten Treiben in Frack und Claque und weiblicher Eleganz, die Versammlungen finden eher im Saale statt. Und damit stehen uns schon die Bilder der Kölner Karnevalssitzungen vor Augen, mit ihren goldbetreßten Uniformträgern auf den Vorstandspodien.

Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wird im Südwesten Deutschlands der gutbürgerliche Karneval langsam zurückgedrängt. Narrenzünfte wachen über die korrekten Regeln der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Man findet die Kunst der Maskenschnitzerei als hochgeschätzte Handwerkstradition, die Narrengewänder symbolisieren häufig die Herkunft ihrer Träger, die aus der Salinenstadt Bad Dürrheim zum Beispiel tragen weiße Anzüge, dicht an dicht mit kleinen weißen Salzsäckchen behängt.

Der Ungläubige im Gewand des Narren

Karneval und Fastnacht unterscheiden sich nicht in der grundlegenden Idee, wohl aber in der Form des Feierns vor Beginn der Fastenzeit (Karneval abgeleitet vom Lateinischen carne valet, also Fleisch ade). In der dörflichen Fastnacht in Tirol erscheinen die Bären, die wilden Frauen, die Narren. Sie waren seit eh und je Synonym für die Ungläubigen, die Ausgestoßenen, die Nicht –Christen. Manche Figuren tragen Eselsohren als Sinnbild für die Dummheit, Schellen und zwar kleine (getragen vom „Roller“) und sehr, sehr große (getragen vom „Scheller“) werden vor den Bauch geschnallt und mit ihnen wird durch heftige Sprünge Lärm erzeugt.

Dissonanz, Krach, Disharmonie, die Rätsche im Alemannischen als krachmachendes Gerät, all das zur Freude der Unkultivierten; das rot-gelbe Gewand des Narren ist die plumpe Spielart des königlichen Purpur und Gold; der Fuchsschwanz gilt als Zeichen für Behinderte, die zu Narren gemacht wurden. Ausgrenzung wird erkennbar. Die mit Stroh ausgestopfte Gestalt des Wampelers im Tiroler Axams symbolisiert den unförmigen Leib, den Fresser und Säufer, eben den „Wampeler“. Im Narrenspiegel, der im monströsen Kopfputz auf dem Haupt der Thaurer Fastnachtsnarren prangt, sieht der Narr nur sich selbst. Nach christlichem Verständnis kann nur ein Narr, ein Ungläubiger, selbstverliebt und egoistisch sein. Barmherzigkeit ist wenig gefragt im Narrentreiben der Fastnacht. Auch die verschiedentlich mitgeführte aufgeblasene Schweinsblase steht als Symbol für Leere und Hohlheit, für die vanitas mundi.

Tiere und besonders Vögel werden mitgeführt, Zeichen für Triebhaftigkeit und Sexualität; der unkultivierte Wilde schmückt sich mit dem Hahnenkamm, die Geilheit explodiert, Vogelkäfige hingen vor Jahrhunderten als einladendes Zeichen vor Bordellen. Man könnte auch eine Sittengeschichte ablesen an den Bräuchen von Karneval und Fastnacht. Es sieht so aus, als ob das Gute in der Welt nicht ohne das Böse existieren kann. Und dann in Tirol, Punkt 18 Uhr zum Betzeitläuten, der Mensch, gerade noch in Tier- oder Hexengestalt, schüttelt Kostüm und alles Böse von sich ab und will wieder Christ und ein guter Mensch sein.

Die Ausstellung läuft bis zum 12. Dezember. Narrenschopf und Sonderausstellung sind täglich außer Montag geöffnet von 14 – 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 10 – 17 Uhr. Ein Café befindet sich im Museum. Ein sachkundiges, reich bebildertes Buch zum Thema ist „Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet“ von Prof. Werner Mezger, erschienen im Konrad Theiss Verlag, ISBN 3-8062-1221-X, zum Preis von 50 Euro, die sich lohnen; für Liebhaber und nicht nur für diese ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk.



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