Mengzi: Der Staat sollte ein gutes Beispiel sein

Kurz nach seiner Machtübernahme im Jahr 1949 versuchte der chinesische Diktator Mao Zedong, die Lehren seines Landsmannes und Philosophen Mengzi in die Mottenkiste zu stecken.
Philosoph Mengzi
Portrait von Mengzi. Zeichnung aus dem 13./14. Jh. n. Chr., Zeichner unbekannt.Foto: public domain
Von 25. August 2022

Vor sehr langer Zeit schrieb ein chinesischer Gelehrter: „Das Volk ist das wichtigste Element einer Nation; danach kommen das Land und das Getreide; der Herrscher zählt am wenigsten.“ Dieser Herrscher sollte außerdem mit der Zustimmung derer regieren, die er regiert. Wenn er ein Tyrann ist, haben die Regierten jedes Recht, ihn auf die eine oder andere Weise loszuwerden.

Dies sind die Ansichten eines weisen Mannes namens Mengzi (372 bis 289 v. Chr.), einem der wohl einflussreichsten Philosophen der chinesischen Geschichte. Die meisten Sinologen sehen jedoch Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.) an der Spitze. Das meiste, was von den Lehren von Konfuzius bekannt ist, stammt aus den Interpretationen von Mengzi, seinem Nachfolger. Einige Experten argumentieren deshalb, dass Mengzi der Einflussreichere war. Diese beiden Männer sind die einzigen chinesischen Philosophen, die so bekannt sind, dass ihre Namen für den Gebrauch im Westen latinisiert wurden.

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung meines früheren Aufsatzes „China‘s great philosophers would be horrified by what Mao and the CCP created“ (Chinas große Philosophen wären entsetzt über das, was Mao und die KPC geschaffen haben). Darin legte ich dar, dass „Mengzi Konfuzius interpretierte und aus den Lehren des Älteren die logischen Schlussfolgerungen zog. Daraus entwickelte er etwas, das Freiheitsliebende heute als eine antike Version des klassischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts bezeichnen.“

Wenige Philosophen übten so großen Einfluss aus wie Mengzi

Michael Hart stellt in seinem Buch „The 100: A Ranking of the Most Influential Persons in History“ (Die 100: Eine Rangliste der einflussreichsten Personen der Geschichte) fest, dass zu Mengzis Grundsätzen freier Handel, geringe Steuern und das Recht des Volkes auf Revolution gehörten.

„Mengzi glaubte, dass die Autorität eines Königs vom Himmel kommt; aber ein König, der das Wohl des Volkes ignoriert, wird zu Recht gestürzt werden. Da der letzte Teil dieses Satzes den ersten Teil praktisch außer Kraft setzt, behauptete Mengzi tatsächlich, dass das Volk das Recht hat, sich gegen ungerechte Herrscher aufzulehnen. Diese Idee wurde in China allgemein akzeptiert. […] Etwa zweiundzwanzig Jahrhunderte lang studierte man seine Ideen in einer Region, die über 20 Prozent der Weltbevölkerung umfasste. Nur wenige Philosophen haben einen so großen Einfluss ausgeübt“, schreibt Hart in seinem Buch.

James Legge, ein schottischer Linguist des 19. Jahrhunderts und Experte für frühe chinesische Texte, bemerkte, dass Mengzi „bei den Herrschern Chinas nicht sehr beliebt“ war. Der Grund: Mengzi glaubte nicht wie jeder Konfuzianer an das „göttliche Recht“ eines Politikers. Hunderte Jahre nach ihm kamen auch die Europäer zu demselben Schluss.

Mengzi vertrat die Ansicht, dass Führer von höchstem ethischen Charakter sein und ihre „Untertanen“ entsprechend behandeln müssen. Ihre Herrschaft sollte eine „sanfte Berührung“ sein, die die Menschen anspornt, ein Leben mit ehrlichem Geist zu führen. Aus diesen offensichtlichen Gründen war der chinesische Philosoph beim Volk stets weitaus beliebter als bei den Herrschenden.

Die Fabel über einen Bauern

Mengzi, so schrieb Paul Meany, „war nicht einverstanden mit plumpen, von oben verordneten Ansätzen.“ Er verdeutlichte dies in einer Geschichte über einen Bauern:

„Eines Tages inspizierte ein Bauer seine Ernte. Als er sah, dass sein Getreide noch nicht reif für die Ernte war, begann der nervöse Bauer an den Trieben zu ziehen, um sie schneller wachsen zu lassen. Als er nach Hause kam und seiner Familie erzählte, was er getan hatte, schaute sein Sohn nach den Reispflanzen und sah, dass sie alle verschrumpelt waren. Die Moral von der Geschicht‘ ist, dass man etwas nicht zum Wachsen zwingen kann. Stattdessen muss man für die richtige Umgebung sorgen. Ebenso gedeihen Menschen moralisch nicht aufgrund von Befehlen oder Androhung von Strafen.

Es gibt Menschen, die über andere herrschen wollen. Per Definition sind solche Menschen jedoch oft am wenigsten dazu geeignet. In der Tat ist die Regierung vielleicht der einzige Beruf, für den man am besten diejenigen einstellt, die den Job gar nicht wollen.

Bereits Thomas Jefferson konnte sich nie vorstellen, wie ein vernünftiges Wesen sich durch die Ausübung von Macht über andere glücklich schätzen könne. Für den britischen Autor J. R. R. Tolkien ist „die unpassendste Aufgabe eines jeden Menschen, selbst der Heiligen, über andere Menschen zu herrschen. Nicht einer von einer Million sei dafür geeignet, und am allerwenigsten diejenigen, die sich die Gelegenheit dazu suchen.“

Jahrhunderte zuvor schrieb Mengzi:

„Der edle Mensch hat drei Dinge, an denen er sich erfreut: der Herrscher über ein Königreich zu sein, gehört nicht dazu. Dass sein Vater und seine Mutter am Leben sind und dass der Zustand seiner Brüder keinen Anlass zur Sorge gibt – das ist die eine Freude. Wenn er nach oben blickt, dass er keinen Anlass zur Scham vor dem Himmel und unten keinen Anlass zur Errötung vor den Menschen hat – das ist eine zweite Freude. Dass er aus dem ganzen Reich die begabtesten Menschen heraussuchen und sie lehren und fördern kann – das ist die dritte Freude.“

Umfeld zur Entfaltung des Einzelnen schaffen

Als Diktator Mao Zedong im Jahr 1949 China den Kommunismus aufzwang, versuchte er Mengzi als Relikt der „dekadenten“ und „feudalen“ Vergangenheit des Landes darzustellen. Der wahre Grund für Maos Feindseligkeit sollte jedoch offensichtlich sein: Er konnte keinen Lehrer dulden, der die Obrigkeit infrage stellt und freien Handel und das Privateigentum verteidigt. Auch wollte er nicht den Mann anerkennen, der den einzelnen Menschen und seine Familie über den Staat stellt und den Staat in einer bedeutenden Weise herausfordert.

Für Mengzi bestand der Zweck des Staates nicht darin, sich selbst zu dienen und die Menschen als Leibeigene oder Marionetten zu behandeln. Vielmehr sollte er ein Umfeld schaffen, in dem sich der Einzelne entfalten kann. Der Staat sollte Tugendhaftigkeit praktizieren, um ein gutes Beispiel zu sein. Seine Steuern sollten nicht mehr als ein Neuntel dessen betragen, was die Menschen produzierten. Und er sollte keine Preise auf dem Markt festsetzen.

Wenn ein guter Schuh und ein schlechter Schuh den gleichen Preis haben, wird dann irgendjemand den Ersteren herstellen?“, fragte Mengzi mit einem Gespür für rhetorische Skepsis.

Paul Meany stellte fest, dass Mengzi Herrscher verurteilte, die ihr Volk stark besteuerten und dann mit ihrem reichen Lebensstil prahlten:

„In einem seiner [Mengzis] Dialoge fragt ein König, ob es akzeptabel sei, die hohe Steuerlast zu senken, die er im Laufe der Zeit langsam erhöht hat. Mengzi antwortet: Angenommen, es gibt einen Menschen, der sich jeden Tag eines der Hühner seines Nachbarn aneignet. Jemand sagt ihm: Das ist nicht der Weg eines Gentlemans. Dann fragt er: Darf ich es darauf beschränken, mir jeden Monat ein Huhn anzueignen und bis zum nächsten Jahr warten, um damit aufzuhören? Mengzi schließt mit einer bemerkenswerten Maxime: Wenn man weiß, dass es nicht rechtschaffen ist, dann sollte man schnell damit aufhören.“

Begrenzte Regierung als Elemente der Tugend

Konfuzianer wie Mengzi erkannten, dass der Staat nicht allmächtig war. Selbst wenn die Regierung befugt wäre, jeden Aspekt des Lebens bis ins kleinste Detail zu regeln, wäre es unmoralisch, dies zu tun. Konfuzianer schätzten die Freiheit und lebten nach der Maxime: „Zwinge anderen nicht auf, was du selbst nicht willst.“

Im Westen gehen wir oft davon aus, dass Freiheit und eine begrenzte Regierung Ideale sind, die es nur im Westen gibt. Östliche Gelehrte wie Konfuzius und Mengzi sind jedoch Beispiele dafür, dass dies nicht der Fall ist. Vor mehr als zwei Jahrtausenden erkannten sie Freiheit und begrenzte Regierungsgewalt als Elemente der Tugend. Sie wussten, dass eine riesige, übermächtige Regierung ein Feind der Tugend selbst ist.

Dieser Artikel erschien im Original auf FEE.org unter dem Titel: „Mencius: The Ancient Chinese Philosopher Who Made a Powerful Case for Limited Government“ (deutsche Bearbeitung kms)

Dieser Artikel erschien zuerst in der Epoch Times Wochenzeitung, Ausgabe Nr. 58, vom 20. August 2022.



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