Bauern in Bedrängnis: Aldi hebt Haltungsformen für Milcherzeugung an

Verband sieht eine Rücksichtslosigkeit gegenüber den Landwirten, die mehr Aufwand betreiben müssen, aber nicht mehr Geld verdienen. Art der Haltung ist im europäischen Ausland kaum ein Thema.
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Immer höhere Anforderungen bei gleichbleibenden Profiten. Deutschlands Milchbauern sehen sich zunehmend in ihrer Existenz bedroht.Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Von 27. September 2023

Für Unruhe unter bayerischen Bauern hat die Ankündigung des Discounters Aldi gesorgt, ab dem Frühjahr 2024 nur noch Milch der Haltungsformen 3 und 4 im Sortiment zu führen. Aldi will bis zum Jahr 2030 Frischfleisch, Milch und gekühlte Fleisch- und Wurstwaren ausschließlich aus diesen beiden höheren Haltungsformen verkaufen. Von der Maßnahme ausgenommen sind Markenartikel sowie internationale Spezialitäten, teilt das „Bayerische landwirtschaftliche Wochenblatt“ mit.

Verbandschef: „Politische Diskussion eigentlich tot“

Als „Rücksichtslosigkeit gegenüber den Landwirten“ kritisiert Dr. Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des Verbands der Milcherzeuger Bayern (VMB), dass dieser Schritt bei der Milch nun um sechs Jahre früher vollzogen wird als ursprünglich vorgesehen. Der Lebensmitteleinzelhandel sichere sich Wettbewerbsvorteile auf dem Rücken der betroffenen Milchbauern.

„Die politische Diskussion um die Kombihaltung ist mit dieser Entscheidung eigentlich tot“, meint Seufferlein. Er gehe davon aus, dass die Debatte um die Haltungsform bei Milch durch ist, andere Einzelhändler würden nachziehen. „Verbraucher sind bei Trinkmilch sehr sensibel, eine Rolle rückwärts wird nicht passieren“, ist sich der Verbandsvorsitzende sicher.

Haltungsform 3 heißt, dass auch Milchbauern mit alten Laufställen ohne Außenklimazone aus der Liste der Lieferanten herausfallen. Laut Seufferlein könnte mehr als die Hälfte bayerischen Milchbauern davon betroffen sein.

Da die Maßnahme von Aldi sie besonders treffe, ist „die Zukunft der bayerischen Milchbauern ungewisser denn je“. Seufferlein spart auch nicht mit weiterer Kritik. So bringe die Milch aus der höheren Haltungsform den Landwirten auch keinen besseren Verdienst.

Umverteilung zulasten der Landwirte

So habe der Edeka-Konzern im Oktober 2022 im Milchsortiment bei Eigenmarken auf höhere Haltungsformen gesetzt. Der Verbraucher musste laut Seufferlein jedoch nicht einen Cent mehr zahlen. „Es ist faktisch eine Umverteilung zulasten der Landwirte“, kritisiert er. Der Markt entfessele eine Dynamik, die sich nicht um das Wohl der Milchbauern schere.

Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) sieht bei der Ankündigung von Aldi ebenfalls keine wirklichen Vorteile für die Milcherzeuger. Ein BDM-Sprecher sagte, „für Betriebe, deren Stallungen schon heute den Anforderungen der Haltungsstufe 3 oder 4 entsprechen, kann es ein kleines Zubrot bringen. Nach uns vorliegenden Berechnungen belaufen sich die Kosten für die höheren Haltungsformen je nach Region auf 12 bis 16 Cent je Kilogramm Milch.

Anzunehmen ist auch, dass nur ein gewisser Teil der Milch über die erhöhten Haltungsstufen verwertet werden kann und sich dadurch der mögliche Mehrerlös in sehr kleinen Größenordnungen halten wird“. Der Verband erwartet ebenfalls, dass weitere Lebensmitteleinzelhändler dem Beispiel des Discounters folgen. Letztlich sei die weitere Entwicklung jedoch schwer abzuschätzen.

Milchbauern leiden schon seit Langem unter Preis- und Wettbewerbsdruck. Laut BDM haben etwa verschiedene Molkereiunternehmen schon vor einigen Jahren beschlossen, für Milch von Kühen, die aus Betrieben mit ganzjähriger Anbindehaltung kommt, Milchbauern entsprechende Abschläge beim Milchpreis aufzuerlegen.

Der Sprecher betonte, dass der Verband die Entscheidung von Aldi entschieden ablehne. „Tierwohl hat mehr zu beachtende Faktoren als die reine Haltungsform. Ein sehr wichtiger Faktor ist die unseren Tieren zukommende Betreuung“, führt er weiter aus. Und was helfe die beste Haltungsform, wenn die darin arbeitenden Menschen überfordert seien?

Kaum Profite von höheren Preisen

Der Bayerische Bauernverband (BBV) kritisiert bereits seit vergangenem Jahr die Ankündigungen der Lebensmitteleinzelhändler zum sogenannten Haltungswechsel. „Im Wesentlichen ist es ein Marketinginstrument des Lebensmitteleinzelhandels auf Kosten der Bauern“, kritisiert Charlotte Roth, Referentin für Milch beim Verband. „Nötig wäre ein hundertprozentiges Commitment des Handels und eine echte, tragfähige Unterstützung der Haltungsumstellung.“

Auch würden die Milchbauern nur wenig von höheren Preisen profitieren: „Die Mehrerlöse decken häufig nicht die Kosten für die höheren Tierwohlanforderungen ab. Zudem ist die sogenannte Trinkmilch im Regal nur ein kleiner Teil der von den Betrieben erzeugten Milch.“ Während der Handel nur die nachgefragte Menge bezahle, müsse der Landwirt seinen gesamten Betrieb umstellen.

Das scheine die Einzelhandelsriesen jedoch kaum zu interessieren. Charlotte Roth kritisiert, dass der Handel seinen „heftigen Konkurrenzkampf“ um Marktanteile ausfechte, ohne die „gravierenden Folgen für die Betriebe und Entwicklungen“ zu bedenken. Außerdem fielen Entscheidungen in Konzernzentralen „ohne politische Legitimation und in der Regel zusätzlich zu vielen anderen Vorgaben und Vorschriften“. Es gehe nur um die eigene Marktposition und das eigene Image, so die Referentin weiter.

39 Prozent der deutschen Milch kommt in den Einzelhandel

Die Marktteilnehmer seien bei den Standards und ihrer Einkaufspolitik „auf der Überholspur und geben weiter Gas“. Sie zögen „in rasantem Tempo an den gesetzlichen Standards vorbei“, um sich einen Vermarktungsvorteil zu schaffen.

Von den rund 24.000 Milchviehbetrieben in Bayern halten laut Roth etwa die Hälfte ihre Tiere in Anbindehaltung, der größte Teil davon das ganze Jahr. „Bayern ist somit besonders betroffen“, sagt sie, geht allerdings davon aus, dass auch Milch aus Anbindehaltung weiter vermarktet wird – wenn dafür eine Nachfrage besteht.

Denn bislang geht nur 39 Prozent der deutschen Milch in den Einzelhandel. Zwölf Prozent gehen in die Industrie, 49 Prozent in den Export.

Südeuropäische Länder importieren laut Milcherzeuger-Verbandschef Seufferlein, Diskurse um Haltungsformen spielten dort jedoch kaum eine Rolle. Absatzmöglichkeiten gäbe es also – in der Theorie. Denn gerade in diesen Ländern achteten viele Verbraucher, im Gegensatz zu Deutschland, sehr darauf, heimische Produkte zu kaufen.

Gegen Ware aus dem Ausland gibt es schnell mal Vorbehalte, weiß der Experte. Und ohnehin bedeutet mehr Export nicht, dass Milchbauern finanziell profitieren, sind sich Seufferlein und Roth einig. Landwirte seien abhängig von den Molkereien und den Absatzkanälen der jeweiligen Produkte.



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