„Zuckerbrot und Spiele“ zeigt 60 Kirmes-Schausteller – Sind sie die Letzten ihrer Art? Bildband

Titelbild
Zuckerbrot und Spiele: "Es ist dieser Zugang zum Außeralltäglichen, der den Stand der Schausteller so faszinierend erscheinen lässt. Es ist eine Kaste, die die Pforte in ein Jenseits des Alltags offenhält.“Foto: Cover Ausschnitt Kerber Verlag
Von 11. November 2014

Sind sie Überlebende einer fast vergangenen Epoche? „Zuckerbrot und Spiele“ zeigt Menschen, die Kinder auf Ponys setzen, Musik mit der Drehorgel machen, Luftballons, Lose und  Zuckerwatte verkaufen. Viele dieser Originale werden in naher Zukunft verschwunden sein.

Die Fotografen Bjoern Gantert und Maurcice Kohl haben über zwei Jahre lang sechzig verschiedene Schausteller des „Hamburger Doms“, des größten Volksfests des Nordens porträtiert, dazu die herzbewegenden Lebens-geschichten, die Tania Kibermanis aufgezeichnet hat.

„Zuckerbrot und Spiele“ ist ein eindrucksvolles Bild-Text-Projekt, das sich den weit weniger bekannten Menschen widmet  hinter den um Aufmerksamkeit schreienden bunten Lampen, der lauten Musik und den spektakulären Saltos der mechanisierten Fahrgeschäfte.

Pforte in ein Jenseits des Alltags

Der in Freiburg tätige Unterhaltungswissenschaftler Dr. Sascha Szabo, Institut für Theoriekultur, schreibt in seiner Einleitung über die Zauberstadt Hamburger Dom: „Nicht nur in Hamburg gehören Volksfeste zu unserem Alltag. In allen Kulturen ermöglichen sie ein kurzseitiges Jenseits von den Alltagsproblemen, gehören mit in unsere medial vermittelte Alltagskultur. Jeder Ort hat seinen Jahrmarkt, sein Schützenfest oder seine Kirmes. Diese Feste sind auch für die Identität der Orte wichtig, denn an diesen Orten vereint die Bevölkerung ein Gemeinschaftsgefühl …“

„Der Mensch ist als eines der wenigen Wesen, vielleicht als das Einzige, mit einem reflexiven Bewusstsein ausgestattet. Das unterscheidet ihn vom Tier. Das Tier lebt in Einheit mit seiner Welt, der Mensch empfindet sich getrennt von seiner Umwelt. Daher gibt es in der Kultur immer auch Wurmlöcher, die ihn in eine Erlebnisgegenwart setzen. Er wird in diesem Zustand ganz Tier, er erlebt nur noch eine immerwährende Gegenwart und vergisst seinen Tod. Es klingt paradox, aber in dem Moment, in dem ein Fahrgast in der Achterbahn vor Angst beinahe in die Hose macht, vergisst er seine Sterblichkeit … Es ist dieser Zugang zum Außeralltäglichen, der den Stand der Schausteller so faszinierend erscheinen lässt. Es ist eine Kaste, die die Pforte in ein Jenseits des Alltags offenhält.“

Der Hamburger Dom: Jahrmarkt auf dem Heiligen Geistfeld

Der Hamburger Dom, der Jahrmarkt auf dem Heiligen Geistfeld in der Nähe des Hafens, ist eine Institution. In meiner Kinder- und Jugendzeit das große Wintererlebnis im Monat Dezember. Inzwischen gastieren die Schausteller dort im Frühling, Sommer und Winter an neunzig Tagen im Jahr. Diese Menschen, die anderen ein kurzweiliges Vergnügen bereiten, agieren meist im Hintergrund und kaum wahrnehmbar.

Die Zigeunerin „Mama Blume“, eine KZ-Überlebende ist Wahrsagerin und liest den interessierten Besuchern die Zukunft aus den Karten. Claus Kröplin, ehemals Tierpfleger in Hamburgs Zoo Hagenbeck und vierzig Jahre mit eigener Tierdressurnummer mit dem Zirkus durch Europa gereist, steht mittlerweile seit zwanzig Jahren mit seinem Leierkasten auf dem Jahrmarktgelände. Die Töchter betreiben einen eigenen Elefantenhof in Mecklenburg-Vorpommern.

Alle Schausteller können von einem sehr bewegten Leben erzählen: Renate Göcke (Lustiges Pfeilwerfen), Helmut Richters (noch mit 87 Jahren aktiv in seiner Wurfbude), Hans-Jürgen Schröder (Titelfoto, ehemals Gebäudereiniger, will noch bis 80 seinen Stand „Hau den Lukas“ betreiben), Chantal Sodemann (Schießbude und Entenangeln), Lara Kübler und Sascha Beu (Altmärkische Puppenbühne), Susanne und Christoph Plexnies (Mäuse-Zirkus), Reinhold Stier (Scherenschnitt), Hardy Clauss (Süßwaren mit Spezialität „Wunschherzen“, war zuvor Autolackierer), Jutta und Uwe Cordts (Zuckerwaren), Egon Geger (Pizzeria Mamamia), Sascha Belli (Fahrgeschäft), Stephan Kaiser (Reitsalon Alt Wien), Alexander Karow (Auto Corso), Manfred Ohlrogge (Karussell), Theo Rosenzweig (Riesenrad) u.v.m.

Die merkwürdige Stille im Foto-Studio

Alle in diesem Buch vorgestellten Schausteller wurden im Studio fotografiert – eine zunächst ungewöhnliche Atmosphäre. Die Autoren schreiben: „Allen war es unheimlich, selbst im Mittelpunkt zu stehen – ohne ihren temporären Arbeitsplatz und ihre gewohnte Umgebung. Ein grauer Hintergrundstoff, zwei Leuchten und sonst nichts, außer einer unwirklichen Ruhe, den Menschen, die wir porträtierten, und uns selbst. Genau dieser Moment war es, den wir erzeugen wollten. Ein Augenblick, in dem die Funktion zurücktritt und die Person dahinter sichtbar wird. Ein wahrhaftiger Moment: Das Aufblitzen von Stolz, Schmerz und Freude in Gedanken an ein Leben auf dem Dom.“

„So unterschiedlich wie die Schausteller waren auch die jeweiligen Reaktionen. Von anfänglichem Unbehagen bis hin zum völligen Aufblühen vor der Kamera, stolz sich präsentieren zu können oder im Wissen darum, dass man dem eher schlechten Image vom ‚fahrenden Volk’ nun einmal etwas entgegensetzen kann. Oder einfach Freude darüber, wahrgenommen und gewürdigt zu werden. Am Anfang sind viele etwas ruppig oder rau, aber unter dieser Schale liegt oft ein weicher Kern. Wir wollen diese Menschen in den Bildern unsterblich machen, ihnen ein Denkmal setzen, damit man sich auch noch in vielen Jahren an sie erinnern kann…“

Nur eine von den zahlreichen Geschichten: Lorenzo Basso, Vater von 10 Kindern, verkauft seit 40 Jahren bunte Luftballons auf dem Hamburger Dom. Die älteste in Hamburg lebende italienische Familie, deren Vorfahren aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Genua kommen. „Meine Frau stammt aus einer gutbürgerlichen Familie aus dem norddeutschen Städtchen Itzehoe. Unsere zehn Kinder haben sich so ergeben, das war nicht geplant. Ein Zwillingspaar ist dabei, Junge und Mädchen. Insgesamt sind es acht Mädchen und zwei Jungen. Die Jüngste ist zwölf, die Älteste 33. Auf dem Jahrmarkt stehe ich bei jedem Wetter draußen. Das kenne ich gar nicht anders. Promis hatte ich schon ganz viele: Michael Schumacher hat bei mir gekauft, Mireille Matthieu, die Klitschkos, Rudi Carrell war Stammkunde. Wenn die Eltern ihren Kindern einen Ballon kaufen, bedanken sich die Kinder immer bei mir – nicht bei dem, der bezahlt hat.“

Foto: Cover Kerber Verlag

Bjoern Gantert und Maurcice Kohl

Zuckerbrot und Spiele

Gebundene Ausgabe: 168 Seiten

59 farbige und 21 s/w Abbildungen

Kerber Verlag (10. November 2014)

ISBN-10: 3735600263

Euro: 36,–



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