Dreihundert Jahre Adam Smith – eine Hommage

Adam Smith legte die Grundlage für ein modernes Deutschland – bis Bismarck mit dem Wohlfahrtsstaat begann. Smith sah Ethik als die Basis einer jeden Marktwirtschaft an. Wer war der Mann, dessen Name auch heute noch bei Ökonomen gut bekannt ist?
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Internationaler Handel ist heute normaler Alltag.Foto: iStock
Von 11. Juli 2023

Vor nunmehr dreihundert Jahren, im Juni 1723, wurde der „Vater der modernen Ökonomie“, Adam Smith, im schottischen Kirkaldy (bei Edinburgh) geboren –als Kind eines Notars und Zollbeamten und einer Frau aus der lokalen Gentry. Vor allem sein Buch über die Ursachen vom „Wohlstand der Nationen“ („An Inquiry into the Nature and Causes of the Welth of Nations“, 1776) machte sofort Weltkarriere.

Der Siegeszug der Gedanken und Einsichten von Adam Smith im 19. Jahrhundert war selbst in Preußen und Deutschland gewaltig. Die Adam-Smith-Liberalen – die „Freihändler“ – bildeten in Parteien und Parlamenten zeitweise die Mehrheit. Sie legten die Basis zum modernen Deutschland, bis dann Bismarck mit der Wendung zum Wohlfahrtsstaat und Protektionismus (1879) diese Entwicklung unterbrach, nicht zum Glück Deutschlands.

Sein Buch wurde verglichen mit dem Neuen Testament

Er war Professor für Moralphilosophie an der Universität Glasgow und zudem (seit 1777) Mitglied der Zollkommission für Schottland und (ehrenhalber) Lord Rector dieser Universität (1787/88). Smith starb 1790. Smith ist einer der wichtigsten Repräsentanten der „schottischen Aufklärung“, zu der auch seine Freunde David Hume und Edmund Burke gehören.

Ein deutscher Übersetzer seines Buches (Christian Jakob Kraus) schrieb damals begeistert: „Ein wichtigeres Buch als das seine von Adam Smith hat die Welt noch nicht gesehen; gewiß* hat seit den Zeiten des Neuen Testamentes kein Buch wohltätigere Folgen gehabt als dieses haben wird, wenn es in alle Köpfe, die mit Staatswirtschaftssachen zu tun haben, mehr verbreitet und tiefer eingedrungen sein wird.“

Der Universalhistoriker Arnold Toynbee bemerkte: Dieses Buch zerstörte wie die Dampfmaschine die Alte Welt und schuf eine neue. Und mit Recht konnte der Historiker Thomas Buckle später sagen: „[…] dass dieses Buch [„Wohlstand der Nationen“] mehr zum Glück der Menschheit beigetragen hat als alle Staatskunst von Politikern und Gesetzgebern.“

Geschichte als Lehrmeister – mit schlechten Schülern

Diesem Buch, auch diesem Buch, verdankt sich der traumhafte Aufstieg und die Vermehrung des „kleinen Mannes“ (und seiner Frau) bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts. Heute bewegt sich die durchschnittliche Lebenserwartung in nie erlebten Höhen. Heute ist in unseren Breiten eher die Überernährung als die Unterernährung ein Problem; fast jeder fährt heute eine Kutsche (das Auto), die an Leistungsfähigkeit jede Kutsche privilegierter Schichten früherer Zeiten weit übertrifft.

Fast jedermann kann sich heute luxuriöse Reisen in ferne Länder und zu den bequemsten Bedingungen leisten; der durchschnittliche Ausbildungsstand ist erstaunlich, die Bildungsmöglichkeiten sind enorm, die Kommunikationsmittel märchenhaft. Technischer Luxus findet sich in jedem Haushalt jenseits alles dessen, was sich Menschen früherer Jahrhunderte vorstellen konnten, ganz abgesehen von der phänomenalen Freizeit. Absolute Armut ist keine Massenerscheinung mehr, zudem können mehr Menschen überleben als in jeder anderen Zeit.

Wenn wir vor alten und neuen Krisen stehen, so vor allem deswegen, weil die Überlebensbedingungen und das Wachstum der modernen Wirtschaft – die Lehren von Adam Smith – durch „Staatskunst und Politik“ in bedenklichster Weise durch einen verhängnisvollen „Destruktionismus“ ignoriert werden.

Bereits der Begriff „Ordnungspolitik“ – das Denken von der Gesamtordnung her – ist ziemlich außer Kurs geraten. Das dramatische Scheitern des Sozialismus nach 1989 gerät im Generationenwechsel mehr und mehr in Vergessenheit. „Die Geschichte ist eine glänzende Lehrmeisterin mit den schlechtesten Schülern“, wie der Schweizer Liberale Robert Nef einmal schrieb.

Der Markt ist ein moralisches Disziplinierungsinstrument

Man muss Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“  gelesen haben, um die dynamisierende Wirkung des Kapitalismus und des modernen Liberalismus zu verstehen. Nur seine Arbeitswertlehre ist von der „österreichischen Schule“ der Ökonomie (Böhm-Bawerk, Mises, Hayek) seit Langem widerlegt.

Der Wert eines Gutes hängt nicht von der in ihn investierten Arbeit, sondern von seiner subjektiven Wertschätzung durch die Konsumenten ab. Im Rahmen eines moralisch disziplinierten und durch Tradition und Sitten regulierten Eigeninteresses ist heute jedermann im System der Arbeitsteilung, wie sie Adam Smith zuerst beschrieb, genötigt, sich durch Dienste oder Produkte für den Nächsten (nicht durch Gewalt und Betrug) vorwärtszubringen.

Der Kapitalismus – die Marktwirtschaft – als System gegenseitiger Dienste ohne Zwangsanwendung! Die vielleicht berühmteste Stelle seines Hauptwerkes lautet: „Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß* sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“

Der Markt mit seinem anfeuernden Wettbewerb ist ein moralisches Disziplinierungsinstrument. Das übersehen all jene, die bis heute entrüstet vom hemmungslosen Egoismus sprechen, der vom Markt entfesselt werde.

Freier Handel fördert die Ehrlichkeit

Vertieft hat Adam Smith seine Morallehre in der „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759). Die Basis von Kapitalismus und Markt ist Moral, Vertrauen auf das Halten von Verträgen, auf die Achtung fremden Lebens und Eigentums.

Vorwärtskommen nur durch den freien Dienst am Nächsten – das ist die dynamisierende Zauberformel. Der freie Handel fördert die Ehrlichkeit. Nicht durch Sozialpolitik und umverteilenden Wohlfahrtsstaat wird der Wohlstand der Menschen begründet, nicht durch die Ethik eines erzwungenen Teilens im Namen der „Solidarität“ oder „sozialen Gerechtigkeit“, sondern allein durch das dienstwillige Mehren der Güter in der Disziplin des Marktes.

So sind – das Hauptthema seines weniger bekannten zweiten großen Buches die „Theorie der ethischen Gefühle“, – die Ethik oder Moral der Gegenseitigkeit und Sympathie die Basis einer jeden Marktwirtschaft.

„Gerechtigkeit“ und ihre Regeln sind bei Smith kein diffuser Begriff, sondern der Hauptpfeiler jeder stabilen Gesellschaft. Die Regeln der Gerechtigkeit sind im höchsten Grade genau. „Wenn ich einem Menschen 10 Pfund schulde, dann verlangt die Gerechtigkeit, daß* ihm ganz genau zehn Pfund zahle“ – also den abgeschlossenen Vertrag, sein Leben und sein Eigentum achte. Auch „Ehebruch“ kann darum nicht „gerecht“ sein. Hinterfragt werden darf: Gibt es auch „unsoziale Gerechtigkeit?“

Der schottische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Adam Smith (1723–1790). Er war seit 1752 Professor für Moralphilosophie an der Universität Glasgow und veröffentlichte 1759 „Theory of Moral Sentiments“ und 1776 „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“. Foto: Hulton Archive/Getty Images

Kritiker des Interventionismus

Aus dem freien Spiel der Tauschpartner unter Regeln – jeder nur auf seine Selbsterhaltung, sein wohlverstandenes Eigeninteresse bedacht – entsteht jene „natürliche“ oder spontane Ordnung, die jedem nützlich ist. Also jene vielgelästerte „Interessenharmonie“, die sich wie von einer „unsichtbaren Hand geleitet“, also ohne zentrale Befehle und Zwang von selbst ergibt.

Freihandel im Inneren und nach außen wurde die beherrschende ökonomische Parole des 19. Jahrhunderts – siegreich, bis die gegenläufigen Bestrebungen des Sozialismus und des Wohlfahrtsstaates aufkamen. Smith war – von den französischen Physiokraten abgesehen – der schärfste, auch sarkastische Kritiker von Monopolen, Kartellen, insbesondere Zünften und Außenhandelszöllen. Und auch besonders von interventionistischen Politikern, die bei uns gegenwärtig wieder das Feld beherrschen. 

Gegen deren Anmaßung von Wissen schrieb er: „Ein Politiker scheint sich einzubilden, daß* er die verschiedenen Glieder einer Gesellschaft mit ebensolcher Leichtigkeit anordnen kann wie die Hand, welche die verschiedene Figuren auf dem Schachbrett anordnet. Er bedenkt nicht, daß die Figuren auf dem Schachbrett kein anderes Bewegungsprinzip besitzen als jenes, welches die Hand ihnen auferlegt, daß aber auf dem großen Schachbrett der Gesellschaft jede einzelne Figur ein eigenes Bewegungsprinzip besitzt, das durchaus von jenem verschieden ist, welches der Gesetzgeber nach seinem Gutdünken ihr auferlegen möchte“.

Dass Mitgefühl und freie Wohltätigkeit auch eine wichtige Rolle – gleich nach der Gerechtigkeit – in einer Gesellschaft spielen müssen, dass uns in unserem Handeln jederzeit ein Gewissen („der unparteiische Zuschauer“) begleitet oder begleiten sollte, betont Smith deutlich. Auch schließen die Staatszwecke bei ihm die Garantie eines konventionellen Existenzminimums ein. Selten hat ein Schriftsteller auch das staatliche oder staatlich regulierte (steuerfinanzierte) Bildungswesen so kritisiert wie er.

Natürliche Freude am eigenen Wohlergehen ist keine Sünde

Zum Schluss seien seine Lebensfreundlichkeit und sein psychologischer Realismus hervorgehoben. Er wendet sich gegen jene „weinerlichen und trübseligen Moralisten, die uns beständig vorwerfen, daß wir uns glücklich fühlen, während so viele unserer Brüder sich im Elend befinden, jene Moralisten, welche die natürliche Freude am eigenen Wohlergehen als sündig betrachten, weil diese nicht an die vielen Unglücklichen denke, welche in jedem Augenblick unter den mannigfachsten Bedrängnissen leiden.“

Es ist ja schließlich jenen damit nicht geholfen, dass wir uns mit solchen Gedanken auch trübselig stimmen. Hier hilft nur und vor allem die Selbsthilfe der Betroffenen in ihren Gemeinschaften.

Smith ist zu allem ein glänzender Prosaist. Seine Bücher lesen sich angenehmer und leichter als so manches moderne Handbuch der Ökonomie.

Über den Autor:

Prof. Gerd Habermann ist seit 2003 Honorarprofessor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, Wirtschaftsphilosoph und freier Publizist. Er ist Mitbegründer der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft.

 

*Alle Zitate wurden unverändert wiedergegeben.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


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