Stark gefährdete Seevögel fliegen auf Plastik

In Brutgebieten stoßen Seevögel eher auf wenig Plastik. Die Gefahr lauert auf hoher See, wie ein Team aus über 200 Forschern ermittelte. Besonders betroffen ist das Mittelmeer – und bereits bedrohte Arten.
Seevögel wie dieser Eissturmvogel brüten in relativ schwach verschmutzten Gebieten.
Ein Eissturmvogel vor einer Klippe auf den Shetland-Inseln.Foto: iStock
Von 17. Juli 2023

Millionen Tonnen Plastikmüll treiben in den Ozeanen weltweit und stellen nicht nur für unterseeische Bewohner der Weltmeere eine Gefahr dar. Wie Forscher jüngst veröffentlichen, fliegen auch Seevögel wortwörtlich auf diese schwimmenden Müllberge. Besonders alarmierend sei zudem, dass manche Arten – vor allem die bedrohten Arten unter ihnen – eine besondere Vorliebe entwickelt haben.

Das Team um Bethany L. Clark von BirdLife International fand zudem heraus, dass ein Viertel aller Kunststoffe, auf die die Vögel bei ihrer Nahrungssuche stoßen, in entlegenen internationalen Gewässern vorkommen. Besonders belastet seien dabei das Mittelmeer und das Schwarze Meer.

Die Arbeit entstand in Partnerschaft zwischen der Universität Cambridge, verschiedenen britischen Natur- und Tierschutzorganisationen sowie über 200 Seevogelforschern in 27 Ländern. Die Ergebnisse erschienen Anfang Juli in „Nature Communications“.

Fehlender Würgereiz macht Sturmvögel anfälliger

Nach Angaben der Forscher kombiniert die Studie erstmals Daten von so vielen Seevogelarten mit globalen Karten der Plastikverteilung in den Ozeanen. Im Rahmen dessen untersuchten sie die Bewegungen von 7.137 einzelnen Vögeln aus 77 Sturmvogelarten. Zu dieser weitverbreiteten Gruppe wandernder Seevögel gehören unter anderem der Eissturmvogel, die Sturmschwalbe und der vom Aussterben bedrohte Newell-Sturmtaucher.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass die Plastikverschmutzung das Leben in den Meeren in einem Ausmaß bedroht, das weit über nationale Grenzen hinausgeht: „Die Meeresströmungen führen dazu, dass sich große Wirbel von Plastikmüll weit weg vom Land ansammeln, weit außerhalb der Sichtweite und außerhalb der Gerichtsbarkeit eines einzelnen Landes“, erklärte Lizzie Pearmain.

Die Doktorandin am Institut für Zoologie der Universität Cambridge ergänzte: „Wir haben herausgefunden, dass viele Sturmvogelarten viel Zeit damit verbringen, sich in der Nähe dieser mittelozeanischen Wirbel zu ernähren, was sie einem hohen Risiko aussetzt, Plastikmüll aufzunehmen.“

Der Müll im Meer sorgt dafür, dass sich das Wasser lokal erwärmt, was das Algenwachstum fördert und dadurch Fische anlockt, die wiederum Seevögeln als Nahrung dienen. So verwechseln Tiere oft kleine Plastikteile mit Nahrung oder nehmen Plastik auf, das bereits von ihrer Beute gefressen wurde.

Das sei vor allem für Sturmvögel gefährlich, weil sie Plastikteilchen nicht so leicht wieder auswürgen können. „Wenn Sturmvögel Plastik fressen, kann es in ihren Mägen stecken bleiben oder an ihre Küken verfüttert werden. Dadurch bleibt weniger Platz für Nahrung, und es kann zu inneren Verletzungen führen oder Giftstoffe freisetzen“, so Pearmain.

Schlaue Seevögel: In Brutgebieten weniger Plastik

Aus den Bewegungsdaten der Vögel und der vorhandenen Karte über Plastikmüll konnten die Forscher letztlich jene Gebiete bestimmen, in denen Seevögel am ehesten auf Plastik stoßen: im Mittelmeer und im Schwarzen Meer sowie im Nordostpazifik, im Nordwestpazifik, im Südatlantik und im Südwestindischen Ozean. Darüber hinaus variiere die Belastung zwischen den einzelnen Arten und Populationen sowie zwischen Brut- und Nichtbrutsaison.

Vor allem die ersten beiden seien für mehr als die Hälfte der weltweiten Plastikbelastung der Sturmvögel verantwortlich. Allerdings halten sich nur vier Sturmvogelarten in diesen geschlossenen, stark frequentierten Gebieten auf, so die Forscher.

Außerhalb des Mittelmeers und des Schwarzen Meers sei das Risiko, auf Plastik zu stoßen, in den Hochseegebieten und den ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) der USA, Japans und des Vereinigten Königreichs am höchsten. Generell erhöht war das Risiko ebenfalls außerhalb der AWZ des Landes, in dem die Seevögel brüten.

„Für die meisten Arten besteht ein höheres Risiko, in Gewässern außerhalb ihres Brutgebietes und in internationalen Gewässern Plastik zu finden. Das bedeutet, dass eine internationale Zusammenarbeit zur Lösung dieses Problems unerlässlich ist“, mahnte Dr. Maria Dias. Die Forscherin vom Zentrum für Ökologie, Evolution und Umweltveränderungen an der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Lissabon koordinierte die Forschungsarbeiten in Portugal.

Bedrohte Arten (meist) besonders betroffen

Eine weitere überraschende Erkenntnis war, dass bestimmte Arten öfter in plastikbelasteten Gebieten verkehrten. So ist das Risiko ausgerechnet für bedrohte Arten „unverhältnismäßig hoch“, darunter der vom Aussterben bedrohte Balearen-Sturmtaucher, der im Mittelmeer brütet, und der Newell-Sturmtaucher, der nur auf Hawaii vorkommt.

Andere vom Aussterben bedrohte Arten schnitten, was das Risiko der Plastikbelastung angeht, gut ab: der Hawaii-Sturmvogel ebenso wie der von der IUCN als gefährdet eingestufte Yelkouan-Sturmtaucher (Mittelmeer), der Cook-Sturmvogel (Neuseeland) und der Brillensturmvogel. Letztere brüten ausschließlich auf einem erloschenen Vulkan namens Inaccessible Island, einem Teil des britischen Überseegebiets und Archipels Tristan da Cunha.

Darüber hinaus stellten die Forscher fest, dass „selbst Arten mit geringem Expositionsrisiko Plastik fressen“. Dies zeige, „dass die Plastikbelastung der Ozeane für Seevögel weltweit ein Problem darstellt, auch außerhalb der stark gefährdeten Gebiete“, so Dr. Clark.

„Die Auswirkungen der Plastikbelastung auf die Populationen der meisten Arten sind zwar noch nicht bekannt, aber viele Sturmvögel und andere Meerestiere befinden sich bereits in einer prekären Situation“, sagte Professor Andrea Manica vom Fachbereich Zoologie der Universität Cambridge. Die fortgesetzte Belastung durch potenziell gefährliche Kunststoffe verschärfe den Druck noch. Bezüglich anderer Bedrohungen sind an den Brutplätzen vor allem invasive Arten und die Zerstörung des Lebensraumes zu nennen. Auf hoher See stellt auch die Fischerei eine Gefahr dar.



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