Transhumanismus: Elon Musk will Gehirn mit Chip-Implantat „aufpeppen“

Milliardär Elon Musk will Chips in menschliche Gehirne einpflanzen. Ein Affe spielt per Chip jetzt schon „Pong“.
Hoher Besuch: Elon Musk kommt mit seiner Mutter Maye Musk zu Heidi Klums Halloween-Party
Hoher Besuch: Elon Musk kommt mit seiner Mutter Maye Musk zu Heidi Klums Halloween-PartyFoto: Evan Agostini/Invision via AP/dpa
Von 9. Dezember 2022

In den 1970er Jahren machte ein aus Israel stammender Mann im deutschen Fernsehen auf sich aufmerksam, weil er vorgab, mit der Kraft seiner Gedanken Löffel verbiegen und Bilder in verschlossenen Umschlägen erraten zu können.

Heute wird davon ausgegangen, dass Uri Geller – so heißt der Mann – mit schlauen, aber doch nur mit Tricks gearbeitet hat. Jahrzehnte später im Juni 2022 richtete Uri Geller in einem kurzen Clip das Wort an Milliardär Elon Musk persönlich. Er schrieb per Twitter:

„Dear @elonmusk. This photo shows a strange spiral of light that appeared over Stewart Island/Rakiura in New Zealand 2 days ago (taken by Alasdair Burns) Was this really caused by one of your Space X rockets – as the media are now claiming? Or is there more to this story…?“

Es ist nicht bekannt, ob ihm der visionäre, bisweilen spleenig wirkende Musk je geantwortet hat. Dennoch kann man beide Männer für einen Moment zusammendenken. Denn Elon Musk arbeitet bereits seit Jahren daran, technisch umzusetzen, was Uri Geller noch mutmaßlich trickreich manipulieren musste.

Was genau ist gemeint? Elon Musks Neuro-Unternehmen Neuralink hatte im Frühjahr 2021 ein Video veröffentlicht, in dem behauptet wird, ein Affe spiele per eingepflanzter Gehirnsonden das Videospiel Pong.

Ein Fachportal schreibt dazu begeistert:

„Der neunjährige Makake mit dem Namen Pager hat in beiden Hirnhälften einen Neuralink-Chip implantiert (…) Die Chips registrieren die neuronale Aktivität des Motorcortex mittels 2.000 feinster Elektrodendrähte. Die Chips wurden dem Affen sechs Wochen vor der Aufnahme eingepflanzt und sind nicht sichtbar. Nur das noch nicht ganz nachgewachsene Fell am Kopf deutet auf einen operativen Eingriff. Die aufgezeichneten Hirndaten werden drahtlos auf ein Smartphone oder Computer gestreamt. Geladen wird der Chip ebenfalls kabellos.“

Hier kommen zwei Dinge zusammen: Zum einen die Behauptung, die Technik sei ausgereift genug, die Funktion eines Joysticks zu übernehmen, welcher normalerweise für die Führung des Pong-Schlägers notwendig ist. Und zum anderen die Behauptung, ein Makake wäre in der Lage und Willens, die Idee eines Tennisspiels zu begreifen und er hätte obendrein Lust dazu, dieses auch zu spielen.

Aber tatsächlich scheint bei Primaten grundsätzlich die Möglichkeit zu bestehen, mit Videospielen umzugehen, wie der Zoo in Leipzig herausfand und Mitte 2022 veröffentlichte mit dem Fazit:

 

Schimpansen spielen Videospiele im Zoo. Spannend für die Wissenschaftler ist die Interaktion der Primaten mit der modernen Technik.“

Hollywood liefert Blaupause für das Grundgefühl

Die meisten mögen das belächeln, wenn sie nicht gerade aktive Tierschützer sind, die hier eine Quälerei am Tier zu erkennen meinen. Aber auch den weniger dem Mitgeschöpf zugeneigten Menschen könnte es mulmig werden, angesichts der jüngsten Bekanntmachung des Musk-Unternehmens, dass in wenigen Monaten damit begonnen werden kann, den Chip im Affen auch Menschen einzupflanzen.

Der Spiegel schreibt: „Neuralink will in sechs Monaten Gehirnchips an Menschen testen.“

Jetzt hat Hollywood sehr viel dafür getan, dass Menschen bei dieser Nachricht nicht als erstes auf den Gedanken kommen, dass hier möglicherweise schwere Behinderungen überbrückt werden könnten. Vielmehr liegt es nahe, dass dystopische Science-Fiction-Filme erinnert werden.

In „Upgrade“ von 2018 beispielsweise wird einem Mann ein Computerchip implantiert, der daraufhin ein gefährliches Eigenleben entwickelt. Und in „The Final Cut“ schnippelt Robin Williams als „Cutter” aus mittels implantierter Chips aufgezeichneten Erinnerungen von Verstorbenen filmische Memoiren.

Das Einpflanzen eines Chips ist allerdings längst Realität. Bei Hunden wird es sogar standardmäßig gemacht. In der Größe eines langen Reiskorns wird den Vierbeinern ein RFID-Transponder-Mikrochip eingepflanzt. Auch Kastrationschips für Rüden sind nicht selten in Gebrauch.

Und diese Microchip-Technik wird längst auch Menschen angeboten. Der Stern schrieb 2020 über einen Mann, der sich gerade einen Chip in die Haut hatte einpflanzen lassen:

„In Zukunft wird der Angestellte mit einer Handbewegung durch den Haupteingang seiner Firma gehen können. Statt eines Hausausweises muss er lediglich seine Hand auf ein Kontaktfeld legen. Theoretisch könnte er mit dem Mikrochip unter der Haut auch seinen Einkauf bezahlen oder seine eigene Haustür öffnen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielseitig.“

 Aber das Gehirn spielt in einer anderen Liga als die Hände. Was Elon Musk da veranstalten will, entspricht seinem Anspruch, mit seinen Produkten die Welt verändern zu wollen. Musk macht nicht einfach nur Geschäfte, er gibt vor, auf Mission zu sein:

 

Die meisten Leute wollen nichts riskieren, nachdem sie viel Geld gemacht haben. Für mich geht es nie um Geld, sondern darum die Probleme zu lösen und damit die Lebensgrundlagen der Menschheit in Zukunft zu verbessern.“

Spleenige Milliardäre auf den Spuren der Pharaonen

Kritisch betrachtet und mit Blick auf Bill Gates und beispielsweise George Soros, könnte man sagen, es scheint einen Art Milliardärs-Marotte zu sein, eine Hybris, ähnlich dem Pyramidenbau der Pharaonen, etwas zu schaffen, dass nachhaltig die Welt verändern soll.

Elon Musk wollte die Mobilität verändern und schuf Tesla. Dann wurde ihm die Spielfläche „Erde“ zu eng und er stieß mit SpaceX in den Weltraum vor als Anbieter kommerzieller Weltraumtechnologie.

Weiter hinaus geht es aber nicht mehr, also nahm Elon Musk den Mikrokosmos des menschlichen Gehirns näher unter die Lupe, um zu schauen, was es da noch zu optimieren gibt, wo man dort mit „The next big Think“ ansetzen kann.

Was Elon Musk der Menschheit erzählt, was seine Chips im Kopf ausrichten können, dringt in der Nacherzählung mitunter in biblische Dimensionen vor, wenn der Spiegel dazu schreibt:

 

Mit den Chips sollen sich Gelähmte eines Tages wieder bewegen und Erblindete wieder sehen können, verspricht der Milliardär. Klingt fantastisch.“

Das klingt vor allem nach Matthäus Kapitel 11, wonach die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen rein werden, die Tauben hören und die Toten aufstehen.

Elon Musk gründete 2016 in den USA mit weiteren Investoren das Unternehmen Neuralink. Erklärtes Ziel ist seitdem die Entwicklung eines Gerätes zur Kommunikation zwischen dem Gehirn und Computern, in der Fachsprache auch Brain-Computer-Interface (BCI) genannt.

Musk hatte einmal selbst auf seine Weise zusammengefasst, um was es ihm bei Neuralink geht:

“Wenn ein Wissenschaftler darüber nachdenkt, die grundlegende Natur des Lebens zu verändern – Viren zu erzeugen, Gene zu verändern – malt dies ein Schreckgespenst an die Wand, das viele Biologen als ziemlich besorgniserregend empfinden, während die Neurowissenschaftler, die ich kenne, wenn sie über Chips im Gehirn nachdenken, es ihnen nicht so fremd zu sein scheint, weil wir bereits Chips im Gehirn haben. Wir haben eine tiefe Hirnstimulation, um die Symptome der Parkinson-Krankheit zu lindern, wir haben frühe Versuche mit Chips, um das Sehvermögen wiederherzustellen, wir haben das Cochlea-Implantat – für uns scheint es also keine große Anstrengung zu sein, Geräte in ein Gehirn zu stecken, um Informationen auszulesen und Informationen wieder einzulesen.”

In Publikationen und Interviews wird immer wieder erwähnt, dass es zunächst darum ginge, Einschränkungen wie Lähmungen des menschlichen Körpers nach Unfällen zu überbrücken. Erst in einem zweiten Stepp soll es um ein gechiptes grundsätzliches Update des Gehirns gehen.

Der Affe spielt Pong – dressiert oder willentlich?

„Das Brain-Computer-Interface von Neuralink existiert – und funktioniert. Es wurde bereits einem Schwein und einem Makaken eingepflanzt“, wird im „SPIEGEL“ berichtet. Das Schwein allerdings konnte im Gegensatz zum Makaken kein „Pong“ spielen.

Die Ankündigung, dass es nach mehreren vergeblichen Anläufen nun endlich losgehen soll, mit dem Chip im Kopf, übernahm Musk selbst, sein Auftritt war via Twitter live mitzuverfolgen, Gelegenheit für einen Glaubwürdigkeitscheck.

Aus deutscher Sicht die vielleicht schärfste Kritik an Elon Musks Plänen formulierte Prof. Miriam Meckel. Die Kommunikationswissenschaftlerin der Universität St. Gallen schrieb schon 2018 in der Zeit unter der Schlagzeile „Brainhacking: Der Spion in meinem Kopf“ folgende Fundamentalkritik:

 

Technik-Konzerne wollen in unser Gehirn vordringen. Gelingt ihnen das, steht die Freiheit unserer Gedanken auf dem Spiel.“

Und was Meckel weiter vorbrachte, hat durchaus Potenzial, Einzug in eines dieser dystopischen Hollywood-Drehbücher zu finden. Miriam Meckel warnt vor einer Art Hirncloud, in der künstliche Intelligenz vernetzt und individuelle Gedanken für jeden verfügbar wären. Sie warnt vor einem „nahezu unbegrenzten Zugriff auf das Innerste der individuellen Persönlichkeit“.

Bisher gelang es Musk nur einen Pong spielenden Affen zu präsentieren. Was Meckel ihm da ins Stammbuch schreibt, klingt nach viel mehr als „Pong“.

Und um die Distanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Wollen und Können abzubilden, sollte man die Idee des Transhumanismus bei Neuralink einmal dem Schachtürken gegenüberstellen:

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts konstruierte und baute Wolfgang von Kempelen, österreichisch-ungarischer Hofbeamter, Mechaniker und Erfinder – ein Genius seiner Zeit – eine mechanische Figur, die bei den Zuschauern den Eindruck entstehen ließ, dass dieses Gerät selbständig Schach spielt, währenddessen allerdings versteckt im Bauch der Maschine ein Mensch die Mechanik bediente, gewissermaßen die vor über 200 Jahren um 180 Grad gedrehte Mensch-Maschine-Idee von Musk.

Was passierte mit dem Schachtürken? Friedrich der Große bot Kempelen für die Aufdeckung des Geheimnisses eine große Geldsumme und der Erfinder nahm an. Nachdem das Geheimnis verraten war, soll Friedrich außerordentlich enttäuscht gewesen sein. Seitdem stand der „Türke“ unbeachtet in einer Abstellkammer im Potsdamer Schloss.

Das Schicksal von Neuralink, einem Pong spielendem Affen und Elon Musk ist derweil noch nicht entschieden.



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