Eine Spurensuche: Bei der Explosion einer russischen Pipeline starben drei Arbeiter

Schon einmal explodierte eine russische Pipeline, 1982. Der Feuerball soll damals bis ins Weltall zu sehen gewesen sein. Bei der CIA knallten damals die Korken, wie 22 Jahre später einem Enthüllungsbuch zu entnehmen war.
Titelbild
Schweißarbeiten bei -40 Grad Celsius in Nowy Urengoi, knapp unterhalb des Polarkreises im hohen Norden Russlands, an der Gasleitung. Gazprom eröffnete im Dezember 2007 das nahe gelegene Gasfeld Juschno-Russkoje, das schätzungsweise eine Billion Kubikmeter Erdgas enthält.Foto: NATALIA KOLESNIKOVA/AFP via Getty Images
Von 21. Dezember 2022

Oleg Nikolajew, Präsident der russischen Teilrepublik Tschuwaschien, gab gestern gegenüber dem russischen Fernsehsender „Rossia 24“ bekannt, dass während der Wartungsarbeiten an der Urengoi-Pomary-Uschhorod-Pipeline, welche die russischen Gasfelder mit der Westukraine verbindet, drei Arbeiter bei einer Explosion ums Leben gekommen seien.

In Videoportalen und via Twitter tauchten Filme auf, die im Hintergrund einer Schneelandschaft eine große Explosion und eine gigantische Gasflamme zeigen.

Das Gas, welches durch diese auch „Bruderschaft-Pipeline“ genannte Leitung fließt, kommt aus Gasfeldern nahe der Stadt Nowy Urengoi, ein Zielort ist Uschhorod in der Westukraine. Das „Handelsblatt“ sprach Anfang Oktober 2022 im Zusammenhang mit dieser Pipeline von einer „erstaunliche[n] Energiepartnerschaft zweier Kriegsgegner“ und meinte damit Russland und die Ukraine.

Das tschuwaschische Ministerium für Katastrophenschutz meldete via Telegram, dass die Gasflamme über den Explosionsstandort zwischenzeitlich gelöscht sei. Das am Oberlauf der Wolga gelegene Tschuwaschien hat kaum mehr als eine Million Einwohner. Knapp die Hälfte davon lebt in der Hauptstadt Tscheboksary, einer Stadt, von der die wenigsten Westeuropäer je gehört haben dürften.

Mit dem Gas, das durch diese Pipeline fließt, wird auch Österreich beliefert. Entsprechend besorgt sind die Medien des Landes. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ schreiben:

„Die russischen Gaslieferungen würden nach der Explosion über alternative Pipelines fortgesetzt, berichtete Bloomberg unter Berufung auf Gazprom. ‚Die Gaslieferungen an die Verbraucher werden in vollem Umfang über parallele Gaspipelines abgewickelt‘, teilte die lokale Einheit des russischen Gasproduzenten Gazprom PJSC demnach in einer Erklärung mit. Auch der ukrainische Gasnetzbetreiber erklärte, die Gasflüsse seien normal.“

Die Gasdurchleitung konnte demnach trotz Schäden kurzfristig wieder aufgenommen werden. Die Kommentierung der Explosion sowohl aus Russland als auch aus der Ukraine verdeutlicht einmal mehr, dass diese Geschäfte trotz des Krieges einfach weiter zu laufen scheinen.

Eine Reparaturbrigade wird in Marsch gesetzt

Die „Bild“ schreibt zur Explosion, der Gaskonzern Gazprom habe eine Reparaturbrigade geschickt, um die Schäden an der Leitung zu beseitigen. Eine eigens eingesetzte Kommission untersuche zudem, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Die örtliche Ermittlungsbehörde hätte ein Strafverfahren wegen Verletzung der Sicherheitsvorschriften eingeleitet.

Unfälle passieren, und kaum jemand im Westen kann über diese Distanz hinweg genau sagen, nach welchen Standards dort überhaupt Wartungsarbeiten durchgeführt werden.

Und auch, wenn die Behörden vor Ort einen Anschlag ausschließen, sind der fortlaufende Ukraine-Krieg selbst und womöglich auch die zeitliche Nähe zu den Nord-Stream-2-Anschlägen nicht die besten Ausschlusskriterien für eine Sabotagevermutung.

Epoch Times bittet das Bundeswirtschaftsministerium um eine Einordung. Eine Sprecherin erklärt, dass man die Vorfälle „natürlich genau beobachtet“. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man aber keine Auswirkungen auf die Gasversorgung in der EU und in Deutschland feststellen. Nach dem, was man gehört habe, handele es sich um eine Havarie nach einer geplanten Reparatur. Außerdem, so betont eine Sprecherin, gebe es auch „Ausweichmöglichkeiten auf andere Pipelines“. Im Übrigen beziehe Deutschland kein russisches Gas, also gebe es schon deshalb keine Auswirkungen.

Peter Bystron (AfD), Obmann des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, erklärt demgegenüber, ihm falle noch ein weiter zurückliegendes Ereignis ein: „Hoffentlich handelt es sich um einen gewöhnlichen technischen Defekt und nicht um einen Sabotage-Akt, wie zum Beispiel den von der CIA verübten Anschlag im Jahr 1982.“

Erinnerungen an 1982

Tatsächlich registrierte die US-Weltraumüberwachungseinrichtung North American Air Defense Command 1982 eine riesige Explosion in Sibirien, die man bis in den Weltraum sehen konnte. Erste Vermutung: vielleicht der Test einer neuen Superwaffe der Russen.

Die Beunruhigung war zunächst groß, aber nicht in jeder mit der Landesverteidigung befassten US-Behörde. Späteren Berichten zufolge sollen damals bei der CIA in Langley die Korken geknallt haben. Den US-Geheimdienstlern war es nämlich gelungen, über einen Sabotageakt eine wichtige und finanziell ertragreiche sibirische Gasleitung zu zerstören. William L. Caseys CIA-Agenten hatten ganze Arbeit geleistet.

Weit über 20 Jahre lang war Gras über diese geheime CIA-Operation gewachsen, bis Thomas Reed, ein ehemaliger Sicherheitsberater des Präsidenten, 2004 der Meinung war, dass es an der Zeit sei, über diesen großen Erfolg der Behörde in seinem Buch „At the Abyss. An Insider’s History of the Cold War“ zu berichten.

Über Reeds Enthüllungen schreibt 2004 gleich nach Erscheinen beispielsweise das „Hamburger Abendblatt“: „Über die Geheimdienstaktivitäten berichtet Thomas Reed, ehemals Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats, in seinen Memoiren […] Demnach spionierte der sowjetische Geheimdienst KGB damals westliche Technologien aus. Als die damalige US-Regierung unter Ronald Reagan dies erfuhr, beschloss sie, dem KGB eine absichtlich fehlerhaft programmierte Software zukommen zu lassen.“

Liebesgrüße aus Langley

Die Explosion selbst hätten sich James-Bond-Drehbuchautoren kaum besser ausdenken können: Die CIA hatte von einem Spion in Moskau erfahren, an welchen amerikanischen computergesteuerten Spezialanlagen die Sowjets interessiert waren. Tatsächlich wurde dafür gesorgt, dass die Russen die gewünschte Hard- und Software auch erhielten. Die US-Geheimdienste fingierten einen Deal über eine kanadische Firma, die auch lieferte.

Die NZZ schrieb 2006 zu den technischen Details: „Die Software war allerdings so verändert worden, dass sie nach ein paar Wochen die Geschwindigkeiten der Turbinen, die Arbeit der Pumpen, die Bewegungen der Ventile in einer Art und Weise steuerte, die schließlich zur Explosion führte.“

Was in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung ist, damit beschäftigte sich 1982 „Spiegel“-Redakteur Werner Meyer-Larsen: „Zwei Tage bevor der sowjetische Partei- und Regierungschef am 22. November 1981 Bonner Boden betrat, unterzeichneten in Essen seine Außenhandelsexperten das größte Ost-West-Industrieabkommen aller Zeiten: den Bau von Rohrleitungen und Kompressorstationen im Wert von 20 Milliarden Mark und – von 1984 bis 2009 – die Lieferung von jährlich 40 Milliarden Kubikmeter Sibirien-Erdgas im Wert von 16 Milliarden Mark – 400 Milliarden Mark in 25 Jahren.“

Die Rede ist hier von einem Besuch Breschnews in Bonn, der quasi gekrönt wurde mit einem Abend im Privathaus von Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Aber der spektakuläre Tauwetter-Deal mitten im Kalten Krieg gefiel nicht jedem: Zuerst schlugen Amerikas Hardliner Alarm. Der damalige Verteidigungsminister Caspar Weinberger war stellvertretend für seine Regierung außer sich über diese deutsche Entspannungsdiplomatie. Den Amerikanern zur Hilfe kam die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen. Das Gas- und Röhrenabkommen war über Nacht desavouiert und die Westdeutschen mussten sich, so schrieb es damals der „Spiegel“, von den USA als Verderber westlicher Wehrkraft anschwärzen lassen.

Dieser bemerkenswerte Krimi hin zum explosiven Countdown ging noch weiter: Im Januar 1982 reiste Bundeskanzler Helmut Schmidt in die USA und musste sich persönlich erzählen lassen, wie negativ die amerikanischen Freunde das Gas/Röhrengeschäft bewerteten. Vordergründig fürchteten die Amerikaner, dass hochwertige westliche Technik installiert werden würde, die von den Russen ausgeschlachtet und militärisch verwendet werden könnte.

Die USA fürchteten, von den Europäern abgehängt zu werden

Und in Richtung Westdeutschland mehrten sich zu dem Zeitpunkt die negativen Stimmen aus den USA. Ein Kongressbericht lag im Februar 1982 vor, der feststellte, dass über den Umweg Europa westliche Technologie und westliche Kredite die UdSSR erreichten. Das Fazit des Berichtes lautete folgendermaßen: „Unsere Geschäftsleute werden aus dem östlichen Markt herausgedrängt.“

Senator Ted Stevens drohte Deutschland gar damit, die 337.000 US-Soldaten aus Europa abzuziehen, und erklärte mit Blick auf den Gasdeal und seine Soldaten an den Standorten:

Wenn die uns den Strom abschalten können, zum Teufel, da wird es höchste Zeit abzuhauen.“

Zur Erinnerung: Wir befinden uns Anfang der 1980er Jahre, und der Senator ging, wie das Magazin aus Hamburg vor 40 Jahren berichtete, noch ein ganzes Stück weiter: „Wenn die Europäer ihr Jahrhundert-Geschäft mit dem Sibirien-Gas dagegen abbrechen würden, lockte Stevens, könnten sie sofort Ersatzlieferungen aus einer anderen kalten Zone der Welt bekommen – aus Alaska, dem Heimatstaat des Senators. Dieses Gas brauche keine Pipeline, es könne mit Flüssiggas-U-Booten nach Europa verschifft werden, und diese Boote könnten auf den notleidenden deutschen Werften gebaut werden.“

1982 wurde ein gigantisches sowjetisch-deutsches Gasgeschäft vereinbart. Der Journalist Werner Meyer-Larsen zitierte in seiner fulminanten Zusammenfassung von 1982 einen Kongressabgeordneten folgendermaßen: „Die Pipeline würde es nach Meinung der Deutschen weniger wahrscheinlich machen, dass die Russen ‚eine Atombombe auf Düsseldorf werfen oder ihre Panzer in die norddeutsche Tiefebene schicken werden‘, ließ er verlauten.“

Wenige Monate später explodierten die Gasleitungen in Sibirien in einem gigantischen Feuerball, der bis ins Weltall zu sehen gewesen sein soll. Das Erstaunliche ist nicht einmal nur der gigantische Sabotageakt an sich.

Kaum zu glauben ist außerdem, dass dieses zerstörerische Großereignis in der Geschichte fast verloren gegangen ist.

Die Havarie in Tschuwaschien ist demgegenüber und nach der aktuellen Lesart ein provinzielles Ereignis. Das Gas fließt einfach weiter. Bemerkenswert ist hier allenfalls, dass das Bundeswirtschaftsministerium gegenüber Epoch Times mitteilt, man habe sich bereits hinsichtlich der europäischen und deutschen Energieversorgung mit einer Explosion im über 5.500 Kilometer entfernten tschuwaschischen Nowy Urengoi beschäftigt.

 

 

 



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