Tee: Wie ein wohltuendes Getränk Schicksale veränderte

Vor mehr als 250 Jahren, als zornige Kolonisten Kisten mit Tee in den Hafen von Boston warfen, dachten sie wohl kaum daran, dass ihre wütende Aktion die Geschichte verändern oder zum Symbol einer politischen Revolte werden würde, von der spätere Generationen inspiriert wurden.
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Tee verändert die Welt: Am 8. September 2007 arbeiten Teepflücker auf einer Plantage in Kandy in Sri Lanka. Weil die Briten in Sri Lanka Tee anbauen wollten, wanderten Tamilen ein. Dadurch kam es zu ethnischen Spannungen und Bürgerkrieg.Foto: Lakruwan Wanniarachchi/AFP/Getty Images
Von 21. Mai 2011

Dank der Globalisierung bestimmen weiterhin verschrumpelte Teeblätter aus dem fernen China, die früher von der Ostindiengesellschaft eingeführt wurden, den Lauf der Geschichte. Das erfrischende Getränk Tee erinnert mit jeder Tasse an glückliche Momente in diesem internationalen Geschäft. Aber die Globalisierung des Tees erzählt auch eine Geschichte der internationalen Intrigen, Monopole, Kriege und ethnischen Vertreibungen.

Bis vor 350 Jahren war Tee ein relativ seltenes Getränk, das aus dem kleinen Strauch Camellia sinensis gewonnen wird, der in den hügeligen Provinzen Südchinas wie z. B. Yunnan wächst. Nur ein paar buddhistische Mönche sowie chinesische und japanische Aristokraten tranken Tee, aber dem Rest der Welt war er mehr oder weniger unbekannt, obwohl vielleicht doch kleinere Mengen Tee als Kuriositäten oder Medikamente ihren Weg entlang der Seidenstraße nach Indien und in den Nahen Osten gefunden haben könnten.

Größere Mengen Tee wurden erstmals von den Holländern gehandelt, die 1606 anfingen, chinesischen Tee aus Java nach Holland zu versenden. Der neu entstandene Wohlstand und eine wachsende Mittelschicht in Holland sorgten im 17. Jahrhundert zum ersten Mal für eine große Nachfrage nach Tee. Für das übrige Europa, sogar die Völker im Norden, die schließlich das Vereinigte Königreich bildeten und heute den höchsten Pro-Kopf-Teekonsum aufweisen, blieb Tee unbekannt, bis Katharina von Braganza, eine portugiesische Prinzessin, Charles II. von England heiratete.

Als sie 1662 nach einer schwierigen Kanalpassage bei Portsmouth an Land ging, verlangte sie nach ihrem Lieblingsgetränk. Aber es war dort nicht verfügbar. Die Engländer boten ihr in ihrer Verlegenheit stattdessen ein Glas Bier an, womit sie ihren Magen allerdings kaum beruhigen konnte. Aber der Hof führte diese Mode dann ein und so verbreitete sich das trinken von Tee#unter dem englischen Adel. Nur die Reichen konnten ihn sich leisten, da die Richtlinien für Kaufleute horrende britische Einfuhrzölle bis zu 119 Prozent vorsahen.

Krieg und Opium

Die hohen Zölle waren nötig, um den französisch-englischen Krieg, der im Jahre 1754 in den amerikanischen Kolonien begann und sich dann bis nach Europa, Indien und Indonesien ausweitete, finanzieren zu können. Manche eurozentrischen Historiker bezeichnen den Krieg von 1754 bis 1763 als den „ersten Weltkrieg“, obwohl die Eroberungen von Dschingis Khan um das Jahr 1225 auf mehr Breitengrade entfielen und einen unvergleichlich größeren Teil der Menschheit von Ungarn bis Korea und von Russland bis zum Irak betrafen.

Die amerikanischen Patrioten, die manche als Raufbolde unter der Führung von Samuel Adams bezeichnen, warfen die Ladungen mit importiertem britischem Tee in den Hafen von Boston und protestierten gegen die hohen Zölle und den monopolisierten Handel der Ostindiengesellschaft. Obwohl sich das Teetrinken in Großbritannien stetiger Beliebtheit erfreute, wurde es in Amerika als unpatriotisch angesehen und ging zurück.

Im späten 18. Jahrhundert befanden sich die Briten in einem Handels-Dilemma. Die Chinesen als einzige Teelieferanten der Welt weigerten sich, viel aus dem Westen zu importieren. Um den chinesischen Handelsüberschuss auszugleichen und das Monopolprodukt zu bezahlen, wurden Silber- und Goldbarren aus England geliefert. Es ging um den Fall eines britischen Import-Nachfragemonopols, das einem chinesischen Herstellermonopol gegenüberstand. Hohe britische Zölle verringerten nicht die Ausfuhr von Silber, da dies wohl nur dazu geführt hätte, dass mehr Tee geschmuggelt statt über offizielle Kanäle importiert worden wäre.

Schließlich hatte die Ostindiengesellschaft eine Idee, das Problem der Goldbarrenlieferungen nach China zu lösen. Man investierte in Tee Plantagen, um Opium in Bengalen und dem Hochland von Dekkan in Indien anzubauen. Nach Meinung von Antikolonialisten wollte man damit auch dem indischen Baumwollanbau und den darin beschäftigten Arbeitern einen Schlag versetzen. Das Opium sollte nicht in Indien verbraucht, sondern nach China exportiert werden.

Natürlich war die chinesische Regierung entsetzt und verbot diesen Import. Die Briten erklärten den Krieg und bestanden darauf, dass der chinesische Tee gegen indisches Opium statt gegen Edelmetall eingetauscht werden sollte. In einem von vielen Fällen von „Kanonenboot-Diplomatie“ eroberten die Briten Hongkong und das Recht, Opium an die Chinesen zu verkaufen, verursachten damit aber soziale Probleme und machten Tausende von Chinesen süchtig. Unter der Erniedrigung durch die Briten leiden viele gebildete Chinesen bis heute.

Indien und ethnische Spannungen

Unterdessen entdeckte der Schotte Robert Bruce, der in der indischen Stadt Tezpur begraben liegt, eine Vielzahl von Teesträuchern in den Ausläufern des Himalaya in Assam, einem Staat in Nordostindien, der damals von tibetisch-birmanischen Stämmen wie den Bodos besiedelt war. Der Fund erwies sich weitgehend als Ersatz für die chinesische Tee Sorte und indische Tee-Exporte verdrängten die chinesischen in den 1860er-Jahren. Aber dadurch wurde noch viel mehr menschliches Leid verursacht.

In einer während der Kolonialzeit üblichen rücksichtslosen Vorgehensweise verlegten die Briten Zehntausende von Vertragsarbeitern aus anderen ärmeren Staaten in Indien zu den Teeplantagen in Assam. Denn die einheimische Bevölkerung richtete sich nach ihrer eigenen Kultur und wollte nicht auf den Plantagen arbeiten.

Dann folgten Händler, Eisenbahner und andere unternehmungslustige Inder und verdrängten die tibetisch-birmanischen Einheimischen. Die ethnischen Spannungen und Konflikte gipfelten in separatistischen Bewegungen und Terrorismus, die bis zum heutigen Tag in Nordostindien unter der Oberfläche kochen.

Auch das Hochland von Ceylon, das heutige Sri Lanka, erwies sich als geeignet für den Teeanbau. Nur wenige der stolzen und relativ wohlhabenden Singhalesen geruhten auf den Plantagen zu arbeiten. Deshalb ließen die Briten Zehntausende von Tamilen aus Indien in ihren Tee- und Kautschukunternehmen in Ceylon arbeiten, die sich nie den einheimischen buddhistischen Singhalesen anpassten. Diese von den Briten bewirkte Einwanderung führte direkt zu dem soeben beendeten Bürgerkrieg in Sri Lanka, der fast 100.000 Tote, Hunderttausende Verletzte und Millionen von Flüchtlingen forderte.

Von Irland, über Israel/Palästina, Guyana und Fidschi bis hin nach China, Assam und Sri Lanka hinterließen die von britischem Kolonialismus und Kommerz bewirkten Einwanderungen ein Vermächtnis von ethnischen Spannungen, Konflikten und Tränen.

Aber aus der engen ethischen Perspektive des 21. Jahrhunderts könnten wir vielleicht zu streng urteilen. Wir dürfen uns freuen, dass unsere internationalen Standards dank des weltweiten Meinungsaustauschs heutzutage höher sind. Die gleiche Globalisierung, die immer noch Angst und ethnische Spannungen verursacht, trug auch zum Wohlstand in der Welt bei.

Handel und ausländische Direktinvestitionen haben Milliarden Menschen buchstäblich in einen Mittelklassestatus erhoben und Tee bleibt eines ihrer Lieblingsgetränke. Wenn die Weltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in zukünftigen Zeitaltern niedergeschrieben wird, werden alle Kriege, Terrorangriffe und Konflikte vielleicht nur am Rande erwähnt oder auf Fußnoten reduziert.

Aber eine wichtige Tatsache wird sicherlich aufgezeichnet – nämlich dass aufgrund der Globalisierung Milliarden von Menschen aus landwirtschaftlicher Rückständigkeit zur Produktivität sowie aus der Unwissenheit zu Wissen fanden und aus der Armut in einen Mittelklassestatus aufstiegen. In Ländern wie China oder Indien sind Unternehmen entstanden, die mit den Multis des Westens konkurrieren können.

Die Einwohner eines Landes, in dem Tee gedeiht, fanden ihre Rache im Jahr 2000. In einer Akquisition, die stark an die Symbolik für die Zukunft erinnert, wurde die führende britische Teehandelsgesellschaft Tetley Tea in einer „umgekehrten“ Investition vom Mischkonzern Tata Group mit Sitz in Indien übernommen.

Farok J. Contractor ist Professor für Management und internationalen Handel an der Rutgers University in New Jersey. Sein letztes Buch, „Global Outsourcing and Offshoring: An Integrated Approach to Theory and Corporate Strategy“, wurde von der Cambridge University Press im Jahr 2010 veröffentlicht.

Artikel auf Englisch: How a Soothing Drink Changed Fortunes and Incited Protests

 

 



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