Islands Norden. Mehr Island geht nicht. Ein Land wie das Meer, rauh und einsam.

Wer wirklich Ruhe haben will, Natur pur und klare Luft für klare Gedanken – der sollte mal nach „Norðurland eystra“ im Norden Islands. Dort am Polarkreis geht die Sonne im Sommer nicht unter, was sich am besten von einem der warmen Thermalpools aus genießen lässt. Oder auf dem Rücken eines Islandpferdes.
Titelbild
Der Hvítserkur heißt „Weißer Kittel“, da der Basaltfelsen in Nordostisland von Vogelexkrementen weiß gefärbt ist. Einer isländischen Sage nach ist der Felsen ein von der Sonne versteinerter Troll.Foto: Lydia Roeber
Von 12. Juli 2023

„Daisy auf drei Uhr! Daisy jetzt auf halb vier!“ Dröhnt Lidias euphorische Stimme durch das Megafon. Neben dem Tuckern des Whalewatching-Kutters und dem von vielen „Ahhs“ und „Ohhs“ begleiteten Klicken von Fotoapparaten und Handykameras ist Lidias Stimme mit dem kehligen Akzent das einzige Geräusch hier auf dem eisgrauen Nordatlantik.

Daisy ist ein Zwergwal, der schon das sechste Mal hier in der Bucht vor Reykjavik den Sommer verbringt, so schallt es aus Lidias Megafon. Ha, Sommer ist gut! Gerade mal elf Grad hat die klare Luft und gleichmäßiger Nieselregen verschleiert nicht nur den Blick auf Reykjaviks Silhouette mit der Halgrimskirche, sondern auch die Sicht auf Daisys nass glänzenden Rücken. Diesen zeigt Daisy fast aus der Nähe, nur knappe 120 Meter entfernt. Insgesamt fünf Walsichtungen gab es auf dieser dreistündigen Tour.

Auf dem Rückweg begleiten zwei Delfine den Kutter bis fast in den Hafen, das ist keine Seltenheit hier. Genau gegenüber vom Whalewatching-Schiff liegen bezeichnenderweise zwei Walfangboote. Island hatte 2003 nach einer 13-jährigen Pause den kommerziellen Walfang wieder eingeführt, über den sich auch im Inselstaat die Geister scheiden.

Traditionell wird in Island seit Jahrhunderten Walfleisch gegessen, heute sind es vor allem Touristen, die einfach mal kosten wollen. Viele entscheiden sich nach dem Whalewatching dann aber doch eher für eine cremige Hummersuppe im „Seabaron“, einer urigen Kneipe in einer der bunten Baracken gleich am Pier.

Whalewatching vor der Küste Islands. Foto: iStock Louis GA

Dazu gibt es den ultimativen Islandtest: Ein kleines Stückchen fermentierten Eishai, Haukarl, das beißend nach Ammoniak – in etwa wie ein sehr alter Käse – schmeckt und mit einem beherzten Schluck „Schwarzer Tod“, das ist isländischer Aquavit, neutralisiert wird. So gewappnet kann es losgehen zum letzten Fleckchen unentdecktes Island. Ja, den gibt es noch, hoch im Norden der Insel am Polarkreis.

Denn Reykjavik und Umgebung ist im Sommer ziemlich überlaufen. Ein babylonisches Stimmengewirr auf den Straßen, Samstagnacht Trauben von Feierwütigen vor den Clubs. Und Massenabfertigung im Minutentakt in der Blauen Lagune, dem geothermalen Planschbecken der Insel, nur zehn Minuten vom Internationalen Flughafen Keflavik entfernt.

Kaum ein Isländer scheint im Sommer in Reykjavik zu sein, dafür aber der Rest der Welt. Das Verhältnis ändert sich schlagartig in Richtung Norden. Genau genommen im Nordwesten der Insel. Nur drei Autostunden von Reykjavik entfernt scheinen die seltenen Besucher die einzigen zu sein, die nicht Isländisch sprechen.

Grüne Wiesen, blauer Himmel, schwarze Lavastrände: Tierische Begegnungen auf den Strassen. Foto Lydia Roeber

Fast allein mit grünen Wiesen, blauem Himmel und schwarzen Lavastränden: Tierische Begegnungen auf den Straßen. Foto: Lydia Roeber

Was kein Problem ist, denn mit Englisch und oft auch Deutsch kommt man in Island gut zurecht. Kaum eine Begegnung mit Menschen oder gar Autos auf dem Weg, stattdessen trotten einzelne Schafe oder kleine Herden auf den Straßen. In dieser Einsamkeit wechseln sich vulkanische Mondlandschaften ab mit grün schattierten Panoramen wie aus „Herr der Ringe“.

Eine Landschaft, fast sich selbst überlassen, so weit und ruhig wie das Polarmeer, das hier allgegenwärtig ist und im Sommer oft eisgrau und ruhig unter unfassbar klarem Himmel liegt.

Fast berauschend schon die frische Luft, in Island gibt es kaum Umweltverschmutzung. Die Energie kommt als Geothermalkraft aus der Erde, versorgt Industrie und Haushalte auf natürliche Weise. Was im ersten Moment wie Verschwendung klingt, ist hier nur logisch: Die Bürgersteige in Islands Hauptstadt und im nördlichen Akureyri sind mit heißer Luft beheizt, haben quasi eine Outdoor-Fußbodenheizung. Die Straßen in Norðurland hingegen sind weniger innovativ, sind eher unterm Allradantrieb knirschende Schotterpisten.

Getrockneter Fisch am Fjord, Foto Lydia Roeber

Getrockneter Fisch am Fjord. Foto: Lydia Roeber

Der Himmel ist hellblau, die sommerlichen Fjordufer grün im Kontrast zu den schwarz glitzernden Vulkanständen. Vereinzelt sind wie in die Landschaft gestreut Häuschen zu sehen, öfter noch Schafe und Pferde. In diesem nördlichen Zipfel Islands gibt es viel Einsamkeit und Ruhe. Und sehr viele Pferde. Die höchste Dichte an Islandpferden auf der ganzen Vulkaninsel.

Insgesamt kommt auf jeden vierten Einwohner Islands ein Islandpferd. Die Insel am Polarkreis ist circa so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen und hat dabei 350.000 Einwohner – und eben 80.000 Pferde. Islandpferde sind trotz einer aufstiegsfreundlichen Rückenhöhe von nur einem Meter dreißig keine Ponys. Diese Verniedlichung sei eine Beleidigung. Das bringt Nonni gleich als Erstes den Gästen seines Pferdehofes bei. Nonni hat nordwindgegerbte Haut, struppige blonde Wikingerhaare und blitzende blaue Augen. Mit seiner Frau betreibt er The Horse Rental Galsi, hat insgesamt 33 Ställe mit über 50 Pferden.

Von denen ist fast jedes auch für Anfänger geeignet. Maria von den Westfjorden, eine anpackende Mittvierzigerin, die nach ihrer Scheidung in den Norden gekommen ist, arbeitet seit sechs Jahren im Familienunternehmen. Ihre beiden Pferde hat sie aus den Westfjorden hierher mitgebracht. Sie begleitet die Ausritte. Nach dem Satteln geht’s los.

Wer sich für eine Anfängertour entscheidet, zottelt gemütlich ohne die Gangarten Tölt, Galopp und Rennpass gemütlich in Schritt und Trab durch die Landschaft. Auf den Unterschied zu den abgelegenen Westfjorden angesprochen, lacht Maria: „Hier im Norden ist es überfüllt.“ Beim 360-Grad-Panoramablick allerdings ist kein Zeichen menschlicher Zivilisation zu sehen. Nicht einmal ein Geräusch, außer dem Wind und dem gelegentlichen Schnauben der Pferde. Das also ist in Island überfüllt?!

Kein Islandpferd, das den Inselstaat im Nordatlantik einmal verlassen hat, darf zurück nach Island – um die Rasse reinzuhalten. Foto: iStock Miroslav_1

Auch im geothermalen Freiluftbad vom Örtchen Hofsòs sind Besucher zumeist allein, obwohl Schwimmen eigentlich der Volkssport Nummer eins der Isländer ist. Das Schwimmbad punktet mit dem unvergleichlichen Blick in Richtung Mitternachtssonne. Im Sommer hat es bis spät in die Nacht hinein geöffnet.

Da ist mit eigenen Augen zu sehen, dass die Sonne hier am Polarkreis nicht daran denkt, unterzugehen. Stattdessen taucht sie das Wasser des Außen-Pools in das gleiche milde Zwielicht wie das glatte Nordpolarmeer direkt davor. Im warmen Thermalwasser treibend, sieht das so aus, als ob Pool und Ozean eins geworden sind.

Das Besondere an den isländischen Thermalschwimmbädern ist nicht nur ihre durchschnittliche Wassertemperatur von 29 Grad Celsius, sondern vor allem, dass sie Freibäder sind. Das Freiluftbad in Hofsòs bietet in den Sommernächten an manchen Tagen noch besondere Events: Unter dem Wasser schallen aus Lautsprechern sphärische Klänge. Die Gäste schweben mit Hinterkopf inklusive Ohren unter dem warmen Geothermalwasser, nur die Nasenspitze, die Hände und Zehen bekommen einen Hauch der kalten Polarluft zu spüren.

Blick vom Thermalpool aufs Nordpolarmeer, wo die Mitternachtssonne im Sommer nicht untergeht. Foto: Lydia Roeber

Dem nordöstlichen Zipfel Islands, dem Norðurland, sagt man nach, dass hier am häufigsten die Nordlichter zu sehen sind. Deshalb lohnt sich auch die Reisezeit ab Mitte September, denn Aurora Borealis zeigt sich vorwiegend in der dunklen Jahreszeit am Polarhimmel.

Am besten, man macht es wie die Isländer selbst: Man mietet sich im Hotel Laugarbakki ein, das soll der beste Spot dafür sein, setzt sich mit einem kühlen Viking Bier in den heißen Außenwhirlpool und bestaunt das grünlich schillernde Naturphänomen.

PS: Und noch ein Lesetipp für den Urlaub oder die Einstimmung darauf: Die spannendste Islandlektüre kommt mit „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent aus dem nordwestlichen Zipfel Islands. Nach einer wahren Geschichte aus dem Jahr 1828 findet man sich wieder inmitten von Mord, Drama und Sühne.



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