Epische historische Szenen: „Ave Caesar, die Todgeweihten grüßen dich“

Der französische Salonmaler Jean-Léon Gérôme war fasziniert von der bildlichen Kultur der Antike und gab sie in seinen historischen Gemälden wieder – inklusive einer Botschaft an die Menschheit.
„Ave Caesar! Morituri te Salutant“ erschuf Jean-Léon Gérôme
Das Gemälde „Ave Caesar! Morituri te Salutant“ erschuf Jean-Léon Gérôme im Jahr 1859.Foto: Public domain
Von 22. November 2023

Mitten in der Yale University Art Gallery in New Haven (USA) hängt ein großes Gemälde, das eine epische historische Szene im römischen Kolosseum zeigt. In der Mitte der Komposition erhebt eine Gruppe von Gladiatoren ihre Arme in Richtung des amtierenden Kaisers. Sie rufen unhörbar eine Zeile, die nur im Titel des Bildes zum Ausdruck kommt: „Ave Caesar! Morituri te salutant“ („Heil Caesar! Wir, die wir sterben werden, grüßen dich“).

Diese schicksalhafte Ansprache zeichneten erstmals antike Historiker auf, wenngleich Hollywoodfilme wie „Gladiator“ (2000) sie zur Berühmtheit machten. Doch während die Filmemacher 155 Minuten Zeit hatten, um ihre Geschichte zu erzählen, hatte der Maler nur einen einzigen Moment, nur eine Szene, um sie festzuhalten.

Und genau in diesen Moment packte Jean-Léon Gérôme (1824–1904) die ganze emotionale Spannung, die erzählerische Komplexität und das Pathos jener Ära der tödlichen Massenunterhaltung.

Selbstbildnis von Jean-Léon Gérôme

Selbstbildnis von Jean-Léon Gérôme (1824–1904) aus dem Jahr 1886. Foto: Public domain

Gérôme lässt die Vergangenheit aufleben

Gérôme, Maler und Lehrer an der Académie française in Paris, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der wohl berühmteste Künstler der Welt. 1847 präsentierte er erstmals eines seiner Gemälde auf dem Salon de Paris, der berühmten Kunstausstellung des französischen Königs Ludwig XIV. Dort fand der Maler sehr viel Zuspruch für sein Werk, weshalb er fortan häufig an der Ausstellung teilnahm.

Zwölf Jahre später brachte er sein Meisterwerk „Ave Caesar! Morituri te salutant“ mit. Das große Bild zeigte nicht nur die Gewalt und Grausamkeit römischer Gladiatorenspiele, sondern auch die Atmosphäre der tobenden Arena.

Auf den ersten Blick scheint das Gemälde ein modernes Fußballstadion wiederzugeben. Es eröffnet einen weiten Blick auf die große und mit zahlreichen Zuschauern gefüllte Architektur. Tatsächlich ist jedoch nur ein kleiner Teil des ovalen Amphitheaters dargestellt, in dem einst 50.000 Besucher Platz fanden.

Schauplatz von Gérôme Meisterwerk

Das 188 Meter lange, 156 Meter breite und 48 Meter hohe Kolosseum in Rom wurde zwischen 72 und 80 n. Chr. erbaut. Dank 80 Eingängen konnten über 50.000 Zuschauer binnen Minuten ihre Plätze einnehmen. Foto: iStock

Der Betrachter steht neben den Gladiatoren in der Arena, die den Kaiser vor ihnen auf seiner erhöhten Loge grüßen. Man steht nah genug, um den verächtlichen Gesichtsausdruck des schwergewichtigen Kaisers zu sehen. Jedes Detail der noch glänzenden „Rüstungen“ der Gladiatoren ist erkennbar – bald werden sie jedoch mit Blut befleckt sein und reglos im Sand liegen.

Während die erzählerische Spannung in der Interaktion zwischen den Kämpfern und dem Kaiser liegt, bemüht sich Gérôme, uns die anderen, scheinbar unbedeutenden Handlungen zu zeigen, die in diesem Gemälde stattfinden. Es sind subtile Details, die uns für einen Moment vom Hauptthema ablenken, aber die Zeit des dargestellten Dramas verlängern.

Geschichten in der Geschichte

Im linken Bildvordergrund sehen wir zwei leblose Männer, die durch Kämpfe und Blutvergießen einen schmerzhaften Tod erlitten. Hinter ihnen werden weitere Leichen mühsam von denen, die man als Bühnenpersonal des Schauspiels bezeichnen könnte, weggeschleppt, wobei die Reibung des Sandes offensichtlich eine gewisse Schwierigkeit darstellt.

„Ave Caesar! Morituri te Salutant“ erschuf Jean-Léon Gérôme

Das Gemälde „Ave Caesar! Morituri te Salutant“ erschuf Jean-Léon Gérôme im Jahr 1859. Foto: Public domain

Zu ihrer Linken schreitet ein Mann voran, der die turbulente Umgebung der Arena scheinbar nicht wahrnimmt. Stattdessen scheint er sich vielmehr auf seine Aufgabe zu konzentrieren, nämlich den blutbefleckten Boden mit neuem Sand zu bestreuen. Der Mann nimmt dabei fast die Identität eines Bauern an, der einer ganz alltäglichen Tätigkeit nachgeht.

Hinter ihm gehen zwei Schausteller in mythologischen Kostümen auf das Tor zu, von denen sich einer umdreht, als wolle er sich vergewissern, wann die Bühne für den nächsten Kampf bereit ist. Währenddessen unterhalten sich zu beiden Seiten des Kaisers einige Priester und Aristokraten auf den Zuschauerplätzen beiläufig miteinander. Sie kümmern sich dabei nicht um die Ansprache der zum Tode verurteilten Kämpfer vor ihnen.

Die geistige Abwesenheit dieser Nebenfiguren stellt das Hauptdrama in einen größeren Zusammenhang. Sie erinnert uns daran, dass es sich trotz des Mutes, den die Gladiatoren in ihrem letzten Kampf aufbringen müssen, nur um eine weitere unbedeutende Episode in einer Abfolge von täglichen Spektakeln handelt. Während einige Zuschauer von der Aufregung des Kampfes ergriffen sein mögen, sind andere einfach an solch grausame Szenen gewöhnt.

Gérôme zeigt, wie der Alltag in Rom war. Im 19. Jahrhundert blühte die Wissenschaft in Europa auf, als Gelehrte die überlebenden Texte und Artefakte aus der Antike studierten. Als Vertreter des Akademischen Realismus beherrschte Gérôme nicht nur die malerische Darstellung menschlicher Figuren, sondern war auch von der Geschichte fasziniert. Er erforschte sie akribisch und stellte sie in solchen historischen Szenen nach.

Spiegel der Gesellschaft

Doch anstatt die legendären Worte historisch getreu der Herrschaft unter Kaiser Claudius zuzuordnen, schuf Gérôme sein eigenes Epos. Als Hauptakteur nutzte der Maler Kaiser Vitellius, einen Mann, der den Bau des Kolosseums nie miterlebte. Er war einer der vier Kaiser, die im Jahr 69 nach Christus das im Bürgerkrieg stehende Römische Reich regierten. Nach nur acht Monaten Amtszeit starb der Kaiser eines gewalttätigen Todes.

Die Idee für die Darstellung Vitellius als übergewichtigen Kaiser entnahm Gérôme einem Buch des britischen Historikers Edward Gibbon. Dieser bezeichnete den „bestialischen Vitellius“ als „unwürdigen Nachfolger des Augustus“. Zudem schreibt er, dass „Vitellius durch bloßes Fressen mindestens sechs Millionen unseres Geldes in etwa sieben Monaten verschlang. Es ist nicht leicht, seine Laster mit Würde oder gar Anstand auszudrücken.“

Kaiser Aulus Vitellius (15–69 n. Chr.) erlebte den Bau des Kolosseums (72–80 n. Chr.) nicht mehr. Foto: Archive Photos/Getty Images

Indem er die Grausamkeit und die Lasterhaftigkeit darstellt, verknüpft der Maler das moralische Versagen des Herrschers mit seinem verwöhnten Lebensstil und der verfallenden Moral der gesamten Gesellschaft und führt sie der Nachwelt wie in einem Spiegel vor Augen.

Als die Kunstwelt durch das aufkommende Interesse am Impressionismus aufgewühlt wird, bleibt Gérôme standhaft. So beharrt er weiterhin darauf, dass die traditionelle akademische Art der bildlichen Darstellung auch im Zeitalter der Moderne noch viel zu bieten hat.

In der Tat zeigen die Gemälde sein Talent als meisterhaften Geschichtenerzähler. Und es sind genau diese Bilder, die Filmemachern als Quelle der Inspiration dienen.

Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „’Hail Caesar! We Who Are About To Die Salute You’“ (redaktionelle Bearbeitung kms).



Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion