Woher kommt der Antisemitismus von links?

In den letzten Wochen waren es radikalislamische und linke Milieus, die immer wieder mit antisemitischen Demonstrationen auf sich aufmerksam machten. Vor allem der linke Antisemitismus sorgt dabei immer wieder für Verwunderung. Warum Linke? Ganz so verwunderlich ist es aber nicht. Eine Analyse.
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Zusammen mit linken Gruppen gegen Israel – wie am 28.10. in Leipzig. Der linke Antisemitismus ist nicht neu.Foto: über dts Nachrichtenagentur
Von 11. November 2023

Wenn es in den letzten Wochen um antisemitische Ausschreitungen auf den Straßen ging, dann waren vor allem Muslime und Linke daran beteiligt. Das mag auf den ersten Blick verwundern: Jahrelang brachte man mit Antisemitismus vor allem Rechtsextremisten in Verbindung, vielleicht in eingeschränkter Form noch Islamisten. Linke und Antisemitismus, das war für die meisten Menschen aber eine völlig abwegige Kombination. Linke Gruppen kämpfen für Gleichheit und Brüderlichkeit – da kann doch für Judenfeindschaft kein Platz sein. Eine fatale Fehleinschätzung.

Linker Antisemitismus ist nicht rassistisch geprägt

Natürlich war linker Antisemitismus nie rassistisch geprägt. Das unterscheidet sie vom rechten Hass auf Juden. Für Rechtsextremisten liegt es klar auf der Hand, dass sie die Besseren und die anderen die Minderwertigeren sind. In Anlehnung an Karl Marx, dass die „Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen“ sei, gab Adolf Hitler daher schon in seinem Buch „Mein Kampf“ die Parole „Rassenkampf statt Klassenkampf“ aus.

Die sogenannte „Rassenhygiene“ war im Nationalsozialismus dann auch die pervertierte Zuspitzung dieses von Hitler eingeforderten Kampfes. Jude zu sein, war ein körperlicher Makel, den man nicht mit einem Religionswechsel oder mit einem Vereinswechsel beseitigen kann. Diesem Makel, so die Auffassung, kann man nur mit Ausrottung begegnen. Am Ende dieses Wahnsinns stand der Holocaust, die planmäßige Massenvernichtung jüdischer Menschen, nichts, womit sich der Linke gemeinmachen möchte. Im Gegenteil, seine antifaschistische Grundeinstellung macht ihn zum Gegner rassistischer Menschenvernichtung. Die Linke bekämpft Nazis.

Schaut man auf die linke Bewegung, so findet man dort viele führende Repräsentanten mit jüdischen Wurzeln – allen voran der linke Urvater Karl Marx selbst. Aber auch Leo Trotzki, Rosa Luxemburg oder der sozialdemokratische Theoretiker und Politiker Eduard Bernstein zeugen davon, dass Menschen mit jüdischen Wurzeln die linke Bewegung geprägt haben.

Ferdinand Lassalle der „jüdische Nigger“

Trotzdem war auch bei den Linken der Antisemitismus von Anfang an da. Wer einmal einen Blick in den Aufsatz von Karl Marx „Zur Judenfrage“ geworfen hat, stößt dort durchaus auf antijüdische Ressentiments, die aufhorchen lassen. Der Jude, so die Marx’sche Argumentation, ist ein kapitalistischer Ausbeuter, Schwindler und Feilscher. Das Geld sei der „eifrige Gott der Juden“, schreibt Karl Marx.

Grobschlächtiger wird der Theoretiker des Kommunismus in einem Brief an seinen Freund Friedrich Engels im Sommer 1862. Marx, wie so oft mal wieder in Geldnot, ärgerte sich in dem Brief darüber, dass der damalige Wortführer der deutschen Arbeiterbewegung, Ferdinand Lassalle, bei ihm zu Gast war und nicht bereit war, ihm ohne Weiteres Geld zu leihen.

Im Brief schrieb Marx über Lassalle als „jüdischen Nigger“. Lassalle sei ein „Ephraim Gescheit“ und ein „Jüdel“. Mag man diese Ausdrücke als in Wut geschriebene Zeilen abtun, offenbaren sie doch ein Verständnis, dem man bei Marx auch in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ begegnet. „Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationalität des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen“, schrieb Marx.

Auch wenn Marx selbst aus einer bekannten Rabbinerfamilie stammte, konvertierte sein Vater später zum Protestantismus, weil er sonst nicht als Rechtsanwalt hätte arbeiten können. Karl Marx mag „jüdischer Abstammung“ gewesen sein, mit dem Judentum verband ihn allerdings geistig und kulturell zeitlebens nie etwas. Die Judenfrage war daher auch nur ein Nebenschauplatz des Theoretikers. Es ging ihm vielmehr um die Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes, ausgebeutetes Wesen ist. Marx war Theoretiker einer Revolution, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen sollte.

Religiosität macht sie zum „Feind des Kommunismus“

Mit der Oktoberrevolution 1917 in Russland erfüllte sich dieser Traum. Viele Menschen mit jüdischer Abstammung konnten sich damals im zaristischen Russland für den Kommunismus erwärmen. Leo Trotzki, Lenins wohl wichtigster Kampfgefährte, dürfte der bekannteste Name sein. Wie sein Stern verglühte auch der Stern anderer jüdischstämmiger Kommunisten ab 1924/25, nachdem sich Stalin nach Lenins Tod an die Spitze der Sowjetunion gestellt hatte. Trotzki selbst ließ er im mexikanischen Exil von seinem Geheimdienst ermorden.

Trotzdem gab es nicht erst unter Stalin Ressentiments gegen jüdische Menschen. Schon Lenin hatte unmittelbar nach der Machtergreifung 1917 „die Juden“ als unsichere Kantonisten beobachten und systematisch verfolgen lassen. Ihre Religiosität machte sie zu „Feinden des Kommunismus“. Auch sozialistischen Juden misstraute er. Sie fühlten, so Lenin und die meisten anderen frühkommunistischen Führer, zu „jüdisch-national“ und nicht genügend „internationalistisch“, sprich zuverlässig kommunistisch. Darüber schrieb der Historiker Michael Wolffsohn schon vor gut 20 Jahren in der „Welt“ und widerlegt damit das rechte Narrativ von der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“.

„In Stalins eigenem Hirn wuchs der Antisemitismus wie ein Tumor“

Stalin traute den Juden überhaupt nicht über den Weg. Zwar initiierte er 1942 die Gründung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, was aber im Krieg gegen Deutschland eher der Vereinigung des Volkes im Abwehrkampf geschuldet war. Nach dem Krieg war dann aber Schluss. Stalin betrachtet die Juden immer mehr als „wurzellose Kosmopoliten“, die angeblich nicht loyal und zu gut vernetzt sind mit der westlichen Welt. „In Stalins eigenem Hirn wuchs der Antisemitismus wie ein Tumor“, schreibt das damalige Politbüromitglied Nikita Chruschtschow in seinen Erinnerungen. Chruschtschow folgte Stalin später als Staats- und Parteichef der Sowjetunion.

Nachdem das Jüdische Antifaschistische Komitee im Jahr 1948 aufgelöst wurde, rollte eine Welle von Verfolgung und Deportation jüdischer Menschen über die Sowjetunion. Die Zeit von 1948 bis zu Stalins Tod 1953 ist als „Schwarze Jahre“ in die Annalen eingegangen.

Verfolgung von jüdischen Menschen gab es nicht nur in der Sowjetunion, sondern wurde auch schnell in den sozialistischen Satellitenstaaten initiiert. Rudolf Slansky, bis dahin führendes jüdisches Mitglied der tschechoslowakischen KP, wurde zum Anführer einer „trotzkistisch-titoistisch-zionistischen“ Verschwörung. Nach einem Schauprozess wurden er und zehn weitere Angeklagte, mehrheitlich Juden, gehängt.

Auch in der DDR ging man damals gegen Juden vor: Hunderte jüdische Kommunisten wurden verhaftet und aus der Partei ausgeschlossen. Jüdische Gemeinden kamen unter Druck, es gab Hausdurchsuchungen und Entlassungen.

Antisemitismus unter dem Deckmantel des Hasses auf Amerika

Linker Antisemitismus war aber nicht nur ein Problem des Ostblocks. Auch im Westen fand er unter dem Mantel von Amerikahass und Befreiungskampf Eingang in die Köpfe der Achtundsechziger. Im Vietnamkrieg, in der Kubakrise und der Nachrüstungsdebatte – in der Abneigung gegen die USA standen die Achtundsechziger den greisen Kommunisten im Ostblock um nichts nach. Amerika als Feindbild und Sympathien für die Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ – die linke Welt war eindimensional zurechtgerückt. Hatte man anfangs, kurz nach der Gründung des Staates Israel, noch Sympathien für das Land, verflogen diese schnell. Israel war jetzt in den Augen der Linken nur noch der Landräuber, Lakai der USA und Unterdrücker der Araber.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 stellt der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) Israel an den Pranger. In seiner Resolution konnte man lesen: „Israel ist nichts anderes als der vorgeschobene Posten des US-Imperialismus im Nahen Osten.“ Damit waren alle historischen Bedenken zur Seite geschoben. Fortan galt die Sympathie der linken Studentenbewegung den Palästinensern. „Shalom heißt Napalm“, wird auf Protestkundgebungen gegen den Vietnamkrieg skandiert.

Am 9. November 1969, dem Datum der Reichsprogromnacht, scheiterte ein Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin. Eigentlich sollte die Bombe während der Gedenkfeier zur Reichskristallnacht explodieren. Wegen eines veralteten Zeitzünders explodierte die Bombe dann aber nicht. Zum Anschlag bekannte sich später die sogenannte „Tupamaros West-Berlin“, eine linke Terrorzelle. In einem Flugblatt rechtfertigten sie den Angriff als eine Kampagne gegen den Zionismus und den Staat Israel.

Sehnsucht nach der Freiheit von Geld und Banken

Ulrike Meinhof, eine der Gründerinnen der RAF, verfasste anlässlich des Anschlags auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München, der mit einem Doppelmord initiiert wurde und mit einer gescheiterten Entführung endete, für die Terrorzelle eine Analyse, die es in sich hat. Zuerst wird der palästinensische Angriff auf die Mannschaft als „gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“ glorifiziert.

Im Prozess gegen ihren damaligen RAF-Genossen Horst Mahler wurde sie vom Gericht nach ihrer Antisemitismusdefinition gefragt, nachdem sie ihre Haftbedingungen mit denen von KZ-Häftlingen in Auschwitz verglichen hatte. Die Juden, so Meinhof, seien ermordet worden „als das, [als] was man sie ausgab – als Geldjuden. Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch.“ Und weiter: „In diesem Antisemitismus, der ins Volk reinmanipuliert worden ist, war die Sehnsucht nach dem Kommunismus, die dumpfe Sehnsucht nach der Freiheit von Geld und Banken.“ Horst Mahler hat sich inzwischen bis weit ins rechtsextremistische Lager bewegt. Mehrmals wurde er wegen Holocaust-Leugnung verurteilt.

Diesem Milieu sind manche linken Gruppen bis heute nicht entstiegen. Noch immer ist für sie Israel der Dämon im Nahen Osten. Die Linke wie auch die Rechte liebt Sündenböcke. Der Angriff der Hamas am 7. Oktober ist für sie daher ein Befreiungskampf gegen den israelischen Imperialismus.

Es ist also nicht verwunderlich, dass linke und muslimische Gruppen nun Hand in Hand auf propalästinensischen Sympathiekundgebungen die Hamas hochleben lassen. Nicht alle Linken, das gehört zur Wahrheit dazu, würden diese Weltsicht in Deutschland teilen. Sie widerstehen der Verlockung, den Konflikt im Nahen Osten durch das beschränkte Prisma der antiimperialistischen Perspektive zu betrachten. Trotzdem sind antisemitische Linke Bestandteil ihres Milieus. Wer sie nicht möchte, wird das deutlich aussprechen müssen.



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