Der Hippokratische Eid – Ärztliche Ideale im Wandel der Zeit

Hippokrates von Kos gilt als der bedeutendste Arzt des Altertums und ist der Namensgeber des Hippokratischen Eids. In diesem Eid spiegelten sich die Ideale der Ärzte in der Vergangenheit wider. Heute ist der Eid zur „Genfer Deklaration“ modernisiert worden und ist ein Zeugnis der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ethik des Arztberufes im Wandel der Zeit.
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Statue des Hippokrates von Kos in Larissa (Griechenland).Foto: iStock
Epoch Times5. April 2022

Hippokrates von Kos (460 – etwa 377 v. Chr.) ist einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums. Gleichzeitig gilt er als Begründer der „rational-empirischen“ – also der „wissenschaftlichen“ Medizin. Zeitgenossen wie Aristoteles oder Platon sprachen anerkennend über Hippokrates, einem „großen Arzt“, von dem jedoch nur wenig autobiografische Informationen verfügbar sind.

Laut den vorhandenen Aufzeichnungen stammte Hippokrates aus einer griechischen Arztfamilie, deren Geschlecht auf die Asklepiaden zurückging. Dies bezeichnete Personen, die Priester und Jünger des Heilgottes Asklepios waren oder als Nachkommen des Asklepios galten. Zunächst als sterblicher Mensch geboren, erhielt er später für seinen Einsatz beim Ausüben der heilenden Künste von den Gottheiten die Unsterblichkeit. Fortan galt er als Gott der Medizin.

Die Asklepiaden übten ärztliche Behandlungen inner- und außerhalb von Tempeln im Dienst und nach dem Vorbild von Asklepios aus.

Obwohl Asklepios als Stammvater der Asklepiaden personalisiert wird, ist der eigentliche Gott der hippokratischen Ärzte in Aufzeichnungen nicht als personalisiertes Wesen beschrieben, sondern vielmehr als ein zugrunde liegendes göttliches Wirkprinzip. Dieses göttliche Wirkprinzip bezeichneten die Griechen damals als „Natur“. Somit war das Verständnis von sogenannten „Naturkräften“ oder „Naturgesetzen“ zur Zeit von Hippokrates ganz anders als unser heutiges Verständnis dieser Begriffe.

Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, sondern entwickeln sich aus täglichen Sünden wider die Natur. Wenn sich diese gehäuft haben, brechen sie unversehens hervor.“ – Hippokrates von Kos

Bis zur Zeit Hippokrates‘ wurden die Geheimnisse der Heilkunst in Griechenland keinen Fremden, sondern nur innerhalb der Asklepiaden-Familien weitergegeben. Als Sohn einer solchen Familie wurde der junge Hippokrates schon früh von seinem Vater und anderen berühmten Gelehrten des Altertums unterwiesen. Darunter auch von dem Philosophen Demokrit, der als Begründer der Atomtheorie gilt.

Asklepios, Gott der Heilkunst. Foto: iStock

Wissenschaft und der Glaube an das Göttliche

Obwohl Hippokrates heute als Begründer der wissenschaftlichen, rationalen Medizin gilt, war sein eigenes Verständnis von Heilkunst tief mit dem Glauben an das Göttliche und göttliche Grundkonzepte verbunden.

Der wahre Arzt beugt sich ehrfurchtsvoll vor der Gottheit. Denn in der ärztlichen Kunst steckt keine Kraft, die übernatürlich wäre.“ – Hippokrates von Kos

Hippokrates und die ihm nachfolgenden sogenannten „Hippokratischen Ärzte“ legten großen Wert auf die Beobachtung der Krankheitszeichen und deren Ursachen. Sie bildeten Theorien und Konzepte, die sich mit dem Geschehen im Körperinneren, der Bewegung der Körpersäfte und dem Zusammenhang mit äußeren Einflüssen wie Lebensstil und Ernährung beschäftigten.

Daraus entwickelte sich das heutige Konzept der Prognose, Diagnose und Therapie.

Aufgeben, was krank macht

Im Gegensatz zu den noch älteren Formen von Medizin, wie aus dem altertümlichen Ägypten oder Mesopotamien, sprach die hippokratische Medizin nicht von Dämonen und ähnlichen Wesen, die Menschen krank machen würden und ausgetrieben werden konnten. Sie fokussierten sich auf den menschlichen Körper, wie dessen Heilkräfte aktiviert werden können, wie er sich der „Natur“ anpassen kann und was der Patient selbst dazu beitragen kann.

Nicht der Arzt heilt die Krankheit, sondern der Körper heilt die Krankheit. Nicht wir – die Naturkräfte sind die Ärzte.“ – Hippokrates von Kos

Zudem wurde in der hippokratischen Medizin dazu ermutigt, Kranke in Tempel zu bringen und zu beten. Ein wichtiger Aspekt war auch dem Kranken zu helfen, die Ursache der Krankheit zu verstehen. So wollten die antiken Ärzte eine Bereitschaft erreichen, dass der Patient das aufgibt, was ihn krank macht.

Die Menschen werden krank, weil sie aus Torheit alles tun, um nicht gesund zu bleiben.“ – Hippokrates von Kos

Laut Hippokrates waren viele Krankheiten durch Ruhe und Enthaltsamkeit zu heilen. Zur gleichen Zeit war ihm aber auch bewusst, dass der Geist des Menschen ebenfalls in der Lage ist, den Körper zu heilen.

Es ist vernünftig, von einem Arzt zu erwarten, dass er vor der Macht des Geistes, Krankheiten zu überwinden, Achtung hat.“ – Hippokrates von Kos

Die ärztliche Gesinnungsethik

Zusätzlich zum Wissen über Pharmakotherapie und Chirurgie war für hippokratische Ärzte die „Deontologie“ (sogenannte „Gesinnungsethik“) ein wichtiger Aspekt des Arztberufes.

So sollen laut Hippokrates für das Studium der Medizin folgende Voraussetzungen notwendig gewesen sein: „Wer sich die Kenntnis der Medizin gründlich aneignen will, der muss folgender Dinge teilhaftig werden: der natürlichen Anlage, des Unterrichts und zwar von Jugend auf, der Lust zur Arbeit, und genügender Zeit.

Das Wichtigste vor allem ist die natürliche Anlage. Wo die fehlt, ist alles umsonst. Wo sie aber die richtige Führung hat, da wird sie zur Lehrmeisterin der Wissenschaft. Weiter bedarf es der Lust zur Arbeit, und zwar mit Ausdauer. Denn Unerfahrenheit ist ein schlechter Schatz für die, die sie besitzen, und die Nährmutter der Feigheit und der Frechheit. Feig ist der Schwache und frech der Nichtskönner.“ – Hippokrates von Kos

Ebenso sollen hippokratische Ärzte zur Selbstreflexion angeleitet worden sein. Dies beinhaltet das Erscheinungsbild des Arztes, seine Interaktion mit Patienten und deren Angehörigen. Außerdem waren sein Auftreten in der Öffentlichkeit sowie die Interaktion mit ärztlichen Kollegen wichtig. Ärzte sollten zudem bescheiden sein und das Vermögen besitzen „Fehler und Irrtümer im eigenen Handeln zu erkennen und für neue Erkenntnisse nutzbar zu machen“.

Zweierlei gibt es, Wissenschaft und Einbildung, erstere führt zum Wissen, letztere zum Nichtwissen.“ – Hippokrates von Kos

Der Hippokratische Eid

Zwar gilt Hippokrates als Namensgeber des Eides, jedoch ist historisch nicht belegt, ob dieser auch aus dessen Feder stammt. Möglich ist auch, dass nur im Allgemeinen Prinzipien der hippokratischen Ärzte in dem Schwur zusammengefasst wurden. Fest steht jedoch, dass Absolventen von Medizinischen Hochschulen diesen Eid teilweise bis 1804 unverändert leisteten.

Hippokratischer Eid, Papyrusfragment

Papyrus-Fragment des Hippokratischen Eides. Foto: Wikimedia Commos | Wellcome Images

Der Hippokratische Eid erwähnt zu Beginn die wichtigsten Gottheiten der Medizin:

  • Apollon: Gott des Lichts, der Heilung, der sittlichen Reinheit und Mäßigung sowie der Weissagung und der Künste
  • Asklepios: der durch seine Verdienste in der Heilkunst die göttliche Unsterblichkeit erlangte
  • Hygieia: die Göttin der Sauberkeit und
  • Panakeia: die Göttin des Allheilmittels
Der vollständige Hippokratische Eid lautete:

„Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde: den, der mich diese Kunst lehrte, meinen Eltern gleich zu achten, mit ihm den Lebensunterhalt zu teilen und ihn, wenn er Not leidet, mitzuversorgen; seine Nachkommen meinen Brüdern gleichzustellen und, wenn sie es wünschen, sie diese Kunst zu lehren ohne Entgelt und ohne Vertrag; Ratschlag und Vorlesung und alle übrige Belehrung meinen und meines Lehrers Söhnen mitzuteilen, wie auch den Schülern, die nach ärztlichem Brauch durch den Vertrag gebunden und durch den Eid verpflichtet sind, sonst aber niemandem.

Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren. Auch werde ich den Blasenstein nicht operieren, sondern es denen überlassen, deren Gewerbe dies ist. Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutz und Frommen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven.

Was ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten.

Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht verletze, möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg zuteilwerden und Ruhm bei allen Menschen bis in ewige Zeiten; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, das Gegenteil.“

Der Hippokratische Eid wird modernisiert

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts veränderten oder passten die Menschen den Eid immer wieder an. Ein Grund war die Religion und die Anpassung an das vorherrschende christliche Weltbild. Andererseits konnten auch politische Strömungen Veränderung des Eides beeinflussen. Beispielsweise ließ die preußische Regierung 1810 einige Passagen des Eides streichen und ersetzte die Ergebenheit gegenüber den Gottheiten durch die Ergebenheit zum preußischen Staat. Später rückten immer mehr menschliche Moralvorstellungen anstelle der Verbindung zum Göttlichen in den Vordergrund.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten weitere Modifizierungen. Unter anderem wurde die Passage, die Ärzten Schwangerschaftsabbrüche verbot, weggelassen und die Richtlinien für chirurgische Eingriffe verändert.

Genfer Deklaration

Letztendlich änderte der Weltärztebund im Jahre 1948 den Hippokratischen Eid zur „Genfer Deklaration“ um, auf die Ärzte nun bei ihrem Berufsantritt schwören.

Der Wortlaut dieses zuletzt 2018 überarbeitet Schwures lautet wie folgt:

„Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.

Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein.

Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.

Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren.

Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung, soziale Stellung oder jegliche andere Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.

Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus wahren.

Ich werde meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen, mit Würde und im Einklang mit guter medizinischer Praxis ausüben.

Ich werde die Ehre und die edlen Traditionen des ärztlichen Berufes fördern.

Ich werde meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Kolleginnen und Kollegen und meinen Schülerinnen und Schülern die ihnen gebührende Achtung und Dankbarkeit erweisen.

Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle der Patientin oder des Patienten und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung teilen.

Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.

Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.

Ich gelobe dies feierlich, aus freien Stücken und bei meiner Ehre.“

Nicht jeder Arzt ist ein Arzt

Während sich der Arztberuf im Wandel der Zeit stark verändert hat, hat sich auch das Verständnis der ethischen Grundlage des Berufes gewandelt. Fest steht jedoch, dass es sowohl damals als auch heute auf die Fähigkeiten und die innere Haltung jeder einzelnen in einem Heilberuf tätigen Person ankommt.

So wie auch Hippokrates vor Tausenden Jahren feststellte: „Ärzte gibt es viele im Titel, aber nur sehr wenige in Wirklichkeit.“ – Hippokrates von Kos

Quellen:

(1) Fuchs (Hrsg.): Hippokrates. Sämtliche Werke, 2 Bde., 1895-1897.

(2) Meyers Konversations-Lexikon, 1888, Begriff: Asklepiaden.

(3) Karl-Heinz Leven (Hrsg.): Hippokrates – Die Heilkunst. Aus dem Griechischen übersetzt von Hans Diller (pdf), Reclam-Verlag, 2011. ISBN 978-3-15-019694-6

(4) DocCheck Flexikon, Begriff: Hippokratischer Eid.

(5) Hippokratischer Eid (bis 19. Jh.): aerztekammer-bw.de/10aerzte/40merkblaetter/20recht/10gesetze/hippoeid.pdf

(6) Hippokratischer Eid (2018): bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/International/bundersaaerztekammer_deklaration_von_genf_04.pdf

Dieser Artikel erschien im Original auf www.nspirement.de unter dem Titel: „Der Hippokratische Eid – Ärztliche Ideale im Wandel der Zeit“ (redaktionelle Bearbeitung kms)



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