Europa niemals energieautark?

Erdgas aus Russland, Steinkohle und Flüssiggas aus den USA, Erdöl aus dem Irak. Um seinen Energiehunger zu bedienen, importiert Europa große Mengen fossiler Energieträger aus anderen Ländern. Die EU legt große Hoffnung in erneuerbare Energien. Doch kann Europa damit wirklich energieautark werden?
Europa
Europa aus dem Weltall bei Sonnenaufgang. Kann der Kontinent in Sachen Energie jemals Autarkie erreichen?Foto: iStock
Von 24. März 2023

Im Zuge der Energiewende und der Loslösung von russischen Energieträgern ändert sich der europäische Energiemarkt derzeit mit rasendem Tempo. Dabei stellt sich die Frage, ob Europa auch ganz ohne Energieimporte aus Drittländern auskommen und sich aus den Abhängigkeiten anderer Staaten befreien kann. Die Kurzantwort lautet: nein.

Die EU-Staaten erzeugen zwar selbst große Mengen an elektrischer Energie, jedoch ist Strom nur ein Teil der Energie, Kraftstoffe für den Verkehr und Wärme für die Industrie werden auch benötigt. So müssen fast alle Staaten Energie und Energieträger von Nicht-EU-Staaten importieren. Im Jahr 2020 mussten die EU-Mitgliedstaaten durchschnittlich rund 58 Prozent ihrer Energie durch Importe decken, nur 42 Prozent produzierte die EU selbst.

Laut „Zahlenbilder“ betrug die EU-Importmenge in den 1980er-Jahren noch 40 Prozent. Die Energieabhängigkeit ist also deutlich angestiegen. Ein entscheidender Grund dafür ist der gestiegene Energiebedarf in Europa.

Unter den EU-Staaten variiert der Grad der Energieabhängigkeit sehr. So sind Malta, Griechenland und Zypern fast vollständig auf Importe angewiesen, während Estland eher wenig Energie aus dem Ausland einkaufen muss. Weitere europäische Länder, die sich überwiegend selbst versorgen können, Island, Norwegen und die Schweiz, sind nicht Teil der EU. Deutschland liegt mit rund 64 Prozent Importabhängigkeit über dem EU-Durchschnitt.

Energieimport-Abhängigkeit der EU-Staaten im Jahr 2020. Foto: mf/Epoch Times, Daten: Zahlenbilder

Abhängigkeit wird auf andere Staaten verlagert

Russland war bis vor einigen Monaten noch der Hauptlieferant der EU für fossile Brennstoffe, berichtete „Consilium.europa“. Mehr als die Hälfte der importierten festen fossilen Brennstoffe wie etwa Kohle stammten aus Russland, beim Erdgas waren es rund 43 Prozent.

Im März 2022 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs der EU angesichts des Kriegs in der Ukraine und der Bedenken hinsichtlich der Energieversorgungssicherheit, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen (aus Russland) so bald wie möglich zu beenden. Dafür suchten einige EU-Länder, darunter auch Deutschland, bereits neue Vertragspartner außerhalb der EU-Grenzen.

In diesem Prozess verlagerte sich die Energieabhängigkeit aber nur auf andere Versorgerländer – beispielsweise auf die USA beim Flüssigerdgas (LNG). Europäische Unternehmen unterzeichneten alleine im Jahr 2022 zehn neue Verträge für US-amerikanisches LNG, berichtete der „Focus“. Die meisten Vereinbarungen haben eine Vertragslaufzeit von 20 Jahren. Insgesamt stieg der LNG-Import der EU im vergangenen Jahr um rund 150 Prozent an.

Deutschland plant zudem die LNG-Lieferungen aus Katar ab 2026 zu erhöhen. Damit will die Bundesrepublik rund drei Prozent ihres Bedarfs decken. Weitere deutsche LNG-Partner sind Nigeria und Algerien. Die Energieunternehmen Uniper und RWE betreiben bereits die ersten schwimmenden LNG-Terminals. Neben den USA haben sie unter anderem auch Verträge mit Lieferanten in Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Oman und Kanada vereinbart.

Andere Länder wie etwa Österreich haben bereits den Gashahn der russischen Pipelines wieder aufgedreht. Durch die Bindung an längerfristige Verträge hat das Nachbarland die Importmenge von Russland-Gas wieder auf das Vorkriegsniveau von Anfang 2022 erhöht, nachdem es die Importe für einige Monate deutlich reduziert hatte.

Kann erneuerbare Energie die Autarkie erhöhen?

Der Primärenergieverbrauch ist der Energiegehalt aller eingesetzten Energieträger. Die Primärenergie teilt sich in drei Sektoren auf:

  • Elektrizität
  • Verkehr
  • Wärme/Kälte

Seit Beginn der 1990er-Jahre ist der Primärenergieverbrauch in Deutschland rückläufig. Außer beim Erdgas ist der Einsatz aller fossilen Energieträger zurückgegangen. Darüber informierte das Umweltbundesamt auf Anfrage der Epoch Times. Dagegen nahmen und nehmen die erneuerbaren Energien seit 2000 deutlich zu.

Im Jahr 2020 stammten in der EU bereits über 40 Prozent des erzeugten Stromes aus Wind, Solar oder anderen erneuerbaren Energiequellen. Knapp ein Drittel lieferten Kernkraftwerke in der EU. Im Jahr 2022 konnte Deutschland den EU-Wert von 2020 übertreffen. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz machten erneuerbare Energiequellen im vergangenen Jahr im Durchschnitt bereits gut 46 Prozent der deutschen Stromversorgung aus. Auf der anderen Seite stieg die Kohleverstomung auf ein neues Hoch.

Ähnlich äußerten bereits viele Energieexperten, dass erneuerbare Energiesysteme nicht ohne fossile Energien auskämen. Dazu äußerte sich zu Beginn des Jahres auch der französische Industrieunternehmer Loïk Le Floch-Prigent. „Um eine kontinuierliche Stromversorgung zu erreichen, sind Wind- und Sonnenenergieanlagen zu 75 Prozent der Zeit auf die Existenz von Gas oder Kohle angewiesen.“

Im Durchschnitt – ist nicht ausreichend

Deutschland verfügt europaweit über die höchste installierte Kraftwerksleistung. Es erzeugt und verbraucht gleichzeitig am meisten Strom. Ein Großteil der Kraftwerke sind Photovoltaik- und Windanlagen. Diese funktionieren jedoch nur wetterabhängig und somit zeitweise. Zwar war Deutschland 2022 Netto-Stromexporteur, wie aus einem Datenblatt des Umweltbundesamtes hervorgeht. Das Land erzeugt in der Summe also mehr, als es verbraucht. Klingt erstmal gut, allerdings ist das ein Durchschnittswert.

Bei Dunkelflaute muss das Land in der Regel Strom aus den Nachbarländern teuer importieren. Und selbst wenn die vielen Windräder im Norden Deutschlands auf Hochtouren laufen, kann das unter bestimmten Bedingungen einen Strommangel im Süden des Landes hervorrufen. Auch wird der überschüssige Strom dann oft sehr günstig abgegeben.

Das oftmals vernachlässigte Problem: Durchschnittswerte gewährleisten keine sichere Versorgung. Die gut 46 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen werden schnell irrelevant.

Zum Vergleich: Ein Mensch nimmt 14 Tage lang doppelt so viel essen und trinken zu sich wie normal. In den darauffolgenden zwei Wochen fastet er. Obwohl er im Monatsdurchschnitt eine normale Nahrungsmenge zu sich genommen hat, ist er vermutlich noch vor Monatsende verhungert und verdurstet. Das gilt auch für den Industriebetrieb oder eben Länder. Durchschnittswerte sagen nichts über den Momentanzustand aus.

Der physikalische Stromaustausch Deutschlands erfolgt bis heute mit elf Nachbarländern. Darunter Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien, Polen und über Seekabel auch mit Schweden und Norwegen (Nicht-EU-Land).

Verkehr: Keine Autarkie mit regenerativen Energien

Die Energienachfrage des Verkehrsbereichs beträgt rund ein Drittel des Gesamtenergiebedarfs der EU. Der Straßen- und insbesondere der Pkw-Verkehr sind hier laut dem Portal „Zukunft Mobilität“ die Verkehrsträger mit dem größten Verbrauch in diesem Sektor. Im Jahr 2018 war der EU-Staat mit dem höchsten Energieverbrauch im Verkehrssektor Deutschland. Die Bundesregierung setzt daher zunehmend auf alternative Antriebe und unterstützt das von der EU beschlossene Verbrenner-Aus. Dabei sollen im Zuge dieser Mobilitätswende konventionelle Antriebssysteme im Straßenverkehr bei Neuwagen ab 2035 keine Zulassung mehr erhalten.

Peter Gutzmer, ehemaliger stellvertretender Vorstand für Technologie der Schaeffler AG, steht diesem Plan kritisch gegenüber. Auf einem Motorenkongress mahnte er kürzlich:

Wir werden in Europa mit regenerativ erzeugten Energien nicht autark werden.“

Laut Gutzmer ist der Verbrennungsmotor weiterhin ein Bestandteil der Zukunft, besonders unter Anwendung verschiedener gasförmiger und flüssiger CO₂-neutraler Kraftstoffe, berichteten die „VDI-Nachrichten“. Realisierbar wäre dies etwa mit den sogenannten E-Fuels – synthetische Kraftstoffe, die fossile Kraftstoffe ersetzen könnten.

E-Fuels sollen den Verbrennermotor retten

Der ADAC übermittelte der Epoch Times auf Anfrage die neuesten Erkenntnisse zu diesen neuartigen Kraftstoffen, die sich noch immer in der Entwicklungsphase befinden. Langfristig setzt der Automobilclub auf E-Fuels aus regenerativen Quellen. Für den alternativen Kraftstoff spricht, dass die bestehende Infrastruktur mit Tankstellennetz und Verbrennermotor weiterhin genutzt werden kann. Auch die gute Speicherfähigkeit und Synergieeffekte durch die Sektorkopplung von Strom, Wärmemarkt und Verkehr seien von Vorteil.

ADAC-Technikpräsident Karsten Schulze sagte: „Millionen Verbrenner sind auf deutschen Straßen unterwegs und haben noch eine lange Lebensdauer vor sich. Wenn die Klimaschutzziele im Verkehr erreicht werden sollen, braucht es eine Lösung für diesen Bestand.“

Der Verkehrssektor in der EU verzeichnet einen weiter wachsenden Energiebedarf. Dabei haben seit dem Jahr 2000 fossile Energieträger nahezu vollständig den Energiebedarf abgedeckt. Die im Verkehrsbereich eingesetzte Strommenge hat sich in diesem Zeitraum kaum verändert. Biogene Kraftstoffe machen nach wie vor nur einen geringen Anteil aus.

Doch selbst wenn sich der Anteil an E-Autos oder Autos mit synthetischen Kraftstoffen merklich erhöht, so muss die gesamte Produktionskette im Blick sein, sowohl für E-Fuels als auch E-Autos. Für die Batterie eines einzigen Teslas müssen Hunderte Tonnen Erde bewegt werden, um an die begehrten Rohstoffe zu kommen. Die entsprechenden Bergbaumaschinen verbrennen nach wie vor Diesel, und zwar bis zu 1.000 Liter pro Schicht. Steht zudem Strom aus erneuerbaren Quellen nicht zur Verfügung, können die Produzenten von E-Fuels nicht liefern oder müssen wieder auf fossile Energien zurückgreifen. Ersteres ist nicht wirtschaftlich, letzteres nicht „grün“.

Wärme verschlingt die meiste Energie

Der größte Anteil an der Primärenergie in der EU entfällt jedoch weder auf Verkehr noch Elektrizität. Der Sektor Heizen und Kühlen ist für etwa die Hälfte des Endenergieverbrauchs sowie einen großen Teil der Kohlenstoffemissionen verantwortlich, wie der „Weltenergierat Deutschland“ berichtet.

Die Nachfrage nach Wärme- und Kältetechnik kommt hauptsächlich aus den Bereichen Wohnen, Industrie und Dienstleistungen. 2017 machten Raumwärme- und Warmwasserbedarf in den Haushalten 79 Prozent des Endenergieverbrauchs in diesem Sektor aus.

Wie bei der Energieerzeugung und beim Verkehr dominieren hier trotz Voranschreitens der erneuerbaren Energiequellen immer noch die fossilen Energieträger. Der Anteil an erneuerbaren Energien in der Raumwärmeversorgung in der EU wird auf rund 23 Prozent (Stand: 08/2022) geschätzt, wie das Portal „Ingenieur“ berichtet. In Deutschland beträgt der Anteil sogar nur rund 17 Prozent. Erdgas (rund 50 Prozent) und andere nicht-erneuerbare Energiequellen bilden den übrigen Anteil.



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